Für die Vergangenheit. Und für die Zukunft.

Geschrieben von wolfgang. Kategorien: Gedanken, Jugendbewegung

Am 9. November, dem Gedenktag zur Reichspogromnacht 1938, erinnerten sich viele von uns auch zurück an die Gedenkstättenfahrt nach Polen im Februar diesen Jahres:

Im vom Deutschen Reich besetzten Gebiet am Westrand der Stadt Oświęcim hatte die SS 1940–45 das KZ Auschwitz mit dem Stammlager Auschwitz und dem Vernichtungslager Birkenau betrieben. 1,5 Millionen Menschen wurden dort ermordet, 90 % davon Juden. Mit 17 Jugendlichen und 3 Erwachsenen und Unterstützung des IBB (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk) machten wir uns über die Karnevalstage 2016 auf zu einer Gedenkstättenfahrt nach Polen. Im Zentrum für Dialog und Gebet Oświęcim war unsere Unterkunft, die uns als gute Basis für unsere Ausflüge in die Gedenkstätten diente. Ein Tagesausflug gegen Ende der Reise führte uns in die wunderschöne Altstadt von Krakau, wo wir jüdisch-galizische Speisen zu Klezmer-Musik genossen. Eine intensive, spannende Fahrt, die wir alle sicher nie vergessen werden.

Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen

Jana und Laura: “Der Besuch der Gedenkstätten Auschwitz und Auschwitz-Birkenau war für uns eine unheimlich intensive, bedrückende, aber auch schöne Zeit. Das, was wir bisher nur aus Medien und Schulunterricht kannten, war plötzlich zum Greifen nah. Einige Bilder sind uns hängen geblieben: Bilder von ausgemergelten Menschen. Eine Vitrine mit Haaren von 40.000 Menschen. Berge von Schuhen, Koffern und Kleidung. Über 300 Baracken. Die unvorstellbare Größe Birkenaus, bei der man als erstes an eine ganze Stadt dachte. Die Rampe, an der die Menschen zur Vergasung selektiert wurden. Ein Teich, noch grau von der Menschenasche …
Durch unsere gute Gruppen-Gemeinschaft konnten wir die intensiven Eindrücke sehr gut verarbeiten. Jeden Abend gab es einen Tagesrückblick, in dem wir über die Erlebnisse des Tages sprachen. Auch dass wir mit einem Zeitzeugen reden durften, war ein unheimliches Privileg für uns.Wacław Długoborski (1926 geboren) war als junger polnischer Widerstandskämpfer von den Nazis verhaftet worden und hat Auschwitz überlebt. Er erzählte seine Geschichte und beantwortete geduldig alle unsere Fragen. Jegliche Bitterkeit lag ihm fern. Wir fragten ihn u. a., ob er noch Geräusche aus der Zeit in Auschwitz im Kopf habe. Seine Antwort: „Das Schlimmste für mich waren nicht die Geräusche in Birkenau, sondern der Rauch aus den Krematorien, der Geruch von toten Menschen.“ Sehr berührend war außerdem die eintätowierte Nummer auf seinem Arm, die er uns ohne Zögern zeigte, als wir ihn danach fragten.

Ein Zitat eines anderen Auschwitz-Überlebenden, Primo Levi, nehmen wir mit in die Gegenwart und Zukunft: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ So etwas Furchtbares darf nie wieder passieren! Doch da es geschehen ist, könnte es auch wieder geschehen. Daran sollten wir uns immer erinnern. Gerade in Zeiten der Flüchtlingsmigration, in denen unsere Mitmenschlichkeit gefragt ist, weil Menschen bei uns Zuflucht und Schutz suchen, hilft uns die Erinnerung, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.”

Wir wurden beraubt

“Die jüdische Ausstellung im Stammlager Auschwitz. Der Video-Raum. 11 Millionen Juden lebten in Europa vor dem Holocaust. Allein eine halbe Million in Deutschland. Eine 360-Grad-Filmmontage: Von allen Wänden strahlen bewegte Bilder aus dem alltäglichen Leben. Sie leben. Feiern. Tanzen. Lachen. Spielen Fußball und Theater. Aufnahmen eines Familienfestes: Ein Ehepaar lächelt in die Kamera. Er fasst zärtlich an ihren Hals und küsst sie. Sie freut sich und lacht. 11 Millionen Menschen wie du und ich. Sie wollen einfach nur glücklich sein. Leben. Der jüdische Kinderchor singt. Ich weine. Jedes Kind ein kostbarer Mensch. Ein Mädchen im Badeurlaub lacht quietschvergnügt in die Kamera und winkt mir zu. Wieder kommen die Tränen. Ich vermisse sie. Ohne sie je gekannt zu haben. Während ich fassungslos in der Mitte des Raumes stehe, prasseln die Bilder wunderbarer Menschen weiter auf mich ein. Leise, aber entschlossen kommen die Worte über meine Lippen: „Wir wurden beraubt!“. Kostbare Menschen, Geschichten, Kulturen. Alles geraubt. Alles ausgelöscht. Es hätte so anders sein können. Wie gerne hätte ich mit ihnen gelebt. Gefeiert. Getanzt. Gelacht. Unser Guide flüstert in das Mikrofon: „Genießen Sie die Aufnahmen. Nichts davon werden Sie mehr erleben.“ Es stimmt. Wir wurden beraubt.”
Wolfgang

Abschied aus Auschwitz

Am letzten Tag der bewegende Abschied von Auschwitz. Die Zeremonie war von Jana, Linda, Cara, Leo und Simon vorbereitet worden. Als Ort hatten sie die sogenannte „Judenrampe“ in direkter Nähe des Vernichtungslagers Birkenau gewählt, wo bis Mai 1944 die Selektionen bei Massentransporten durchgeführt wurden. Auch das Blumengesteck und die Schleife hatten die Jugendlichen ausgesucht. Hier die Worte, die Jana und Linda an uns richteten:

„Wir haben weiße Blumen gewählt. Weiß als Zeichen der Hoffnung und für den Frieden der ruhenden Menschen. Wir haben gelbe Blumen gewählt. Gelb als Zeichen für die Sonne, somit für Licht und als Signalfarbe für Vorsicht, dass so etwas nicht wieder passieren darf. Wir haben grüne Blätter gewählt. Grün als Zeichen des Mitgefühls. Wir haben ein blaues Band gewählt. Blau als Zeichen für Friede und Schutz für die ganze Welt. Wir haben die Aufschrift auf dem Band „Für die Vergangenheit und für die Zukunft“ gewählt. Die Vergangenheit steht für das Gedenken an den Holocaust und die Zukunft dafür, dass so etwas nie wieder passieren darf.“

Wir danken dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) für die freundliche Bezuschussung, ohne die diese Gedenkstättenfahrt nicht möglich gewesen wäre.

 

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