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Aufsehen auf Jesus

20.03.2008

Hebräer 2,10-18

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Va­ters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigttext: Hebräer 2,10-18 (nach der „Guten Nachricht")

Liebe Gemeinde!
Der Hebräerbrief ist ursprünglich und bis heute ein Brief an Christen, die in ihrem Glauben müde und matt geworden sind und die in der Gefahr stehen, in der Nachfolge Jesu zu resignieren. Das Feuer der er­sten Begeisterung, das Feuer der Freude am Glauben, das Feuer der Leidenschaft für Christus und für die Sache des Reiches Gottes ist fast erloschen. Was hat sie müde gemacht? Was macht Christen bis heute müde?

  • Es ist die Erfahrung enttäuschter Hoffnung und die Erfahrung nicht erhörter Gebete. Vor allem, wenn es Christen gab, die einem solche Erfahrung garantieren wollten. Glaube nur - und Du wirst gesund! Darauf hatte man sich verlassen - und nun fühlt man sich von Gott im Stich gelassen.
  • Die Erfahrung von erlittenem Leid, immer noch erlittener Unge­rechtigkeit, immer noch erlebter menschlicher Enttäuschungen. Lohnte denn der Weg, lohnte das Christsein überhaupt?
  • Die Erfahrung der eigenen kleinen Kraft. Als es darauf ankam, den Glauben zu bekennen oder den Glauben zu bewähren, hatte man oft genug versagt. Ach, man hatte oft auch gar nicht mehr ernsthaft versucht, der Versuchung zu widerstehen. - Und nun war man ent­täuscht über sich selber.

An solche müden Christenmenschen wendet sich der Hebräerbrief. Und einer der seelsorgerlich ermutigendsten Sätze, der sich in diesem Brief findet, ist ein Aufruf und hei?t: „Lasst uns .... aufsehen zu Je­sus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens." (Hebr. 12,2a)
Was angefochtenen und müden Christen hilft, ist der Blick auf Jesus Christus. - Und genau das möchte der Predigttext des heutigen Grün­donnerstagabends tun: unseren Blick auf Jesus lenken. „Lasst uns .... aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens."


Und vor Augen wird uns der herunter-gekommene Gott, der Mensch gewordene Jesus gestellt, der unser Menschsein geteilt hat.
Das ist der rote Faden des Predigttextes von heute: So weit ist Jesus zu uns heruntergekommen, dass er alle Fragen und Nöte und Sorgen unseres Lebens selber kennt und deshalb auch versteht. Nicht nur, weil er sie aus nächster Nähe gesehen, sondern, weil er sie selbst am eigenen Leibe erfahren hat.
Aber mehr noch: So weit ist Jesus zu uns heruntergekommen, um durch sein Leben - und erst recht durch sein Leiden und Sterben - et­was für uns zu erreichen und zu verändern. So schön es ist, wenn man einen findet, der für einen Verständnis hat - viel wichtiger ist es, dass man einen findet, der einen heraus reißt aus seiner Not. Unser Text sagt, dass wir in Jesus beides haben: Verständnis und Rettung, ein of­fenes Ohr und eine helfende Hand. Wie das geschieht, und was das Gott gekostet hat, davon berichtet der Predigttext:

10 Weil Gott wollte, dass viele Kinder Gottes in sein herrli­ches Reich aufgenommen werden, hat er den, der sie zur Ret­tung führen sollte, durch Leiden zur Vollendung gebracht. Das war der angemessene Weg für Gott, den Ursprung und das Ziel von allem. 11 Denn der Sohn, der die Menschen Gott weiht, und die Menschen, die von ihm Gott geweiht werden, stammen alle von demselben Vater. Darum schämt der Sohn sich nicht, sie seine Brüder zu nennen. 12 Er sagt zu Gott: "Ich will dich meinen Brüdern bekanntmachen; in der Ge­meinde will ich dich preisen." 13 Er sagt auch: "Ich will mein Vertrauen auf Gott setzen!" und fährt fort: "Hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat." 14 Weil diese Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, wurde der Sohn ein Mensch wie sie, um durch seinen Tod den zu vernichten, der über den Tod verfügt, nämlich den Teufel. 15 So hat er die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind. 16 Nicht für die Engel setzt er sich ein, sondern für die Nachkommen Abrahams. 17 Des­halb musste er in jeder Beziehung seinen Brüdern und Schwe­stern gleich werden. So konnte er ein barmherziger und treuer Oberster Priester für sie werden, um vor Gott Sühne zu leisten für die Sünden des Volkes. 18 Weil er selbst gelitten hat und dadurch auf die Probe gestellt worden ist, kann er nun den Menschen helfen, die ebenfalls auf die Probe gestellt werden.

Mit diesem Predigttext dürfen wir also auf Jesus sehen, der alles getan hat, uns zu heraus zu retten aus unseren Ängsten und Nöten. Ich möchte mit Ihnen noch einmal genauer hinzusehen, wie Jesus uns hier rettend begegnet - nämlich in dreifacher Weise:


1. Jesus als unser Wegführer durch die Zeit
„Weil Gott wollte, dass viele Kinder Gottes in sein herrliches Reich aufgenommen werden, hat er den, der sie zur Rettung führen sollte, durch Leiden zur Vollendung gebracht. Das war der angemessene Weg für Gott, den Ursprung und das Ziel von allem." (V. 10)
Lassen Sie uns noch einmal die ersten Leser des Hebräerbriefes vor Augen haben: enttäuschte und müde gewordenen Christen. Es droht die Endstation „Resignation". Und nun wird ihnen Jesus vor Augen gestellt. Ihre Blicke werden auf den Weg Jesu gelenkt: Sein Weg führ­te durch das Leiden bis ans Kreuz. Aber dann auch durch das Kreuz zur Vollendung.
Und nun kommt Jesus in seinem Wort zu diesen Menschen, in ihr Leiden und kann ihnen sagen: Meine Gotteserfahrung ist es, dass Gott nicht vor Leid bewahrt - aber durch das Leid hindurch führt - zur Ret­tung. Deshalb resigniert nicht. Erkennt doch, dass Gott das letzte Wort hat. Erkennt doch, dass Gott letztendlich nicht euer Leid, sondern eure Rettung will. - Darum blickt auf den und folgt dem, der euch voran­geht: Jesus. Bleibt in seinen Fußstapfen, geht hinter ihm her durch diese Welt. Fragt dabei nach seinem Willen, tut seine Werke und bleibt mit ihm im Gespräch. Dazu hilft es, wenn ihr ihn stets im Blick habt. Lasst euch nicht beirren durch die Stimmen, die euch einflüstern wollen, dass man mit Gott letztendlich der Dumme ist, weil man viel zu viel schöne Gelegenheiten des Lebens auslässt, die das Leben an­genehmer und prickelnder machen könnten. (Den Geldschein für die kleine Gefälligkeit, den Seitensprung als kleines Vergnügen.) Lasst euch nicht beirren, denn der Preis, diesen Stimmen Folge zu leisten, ist der Sprung in der Seele, ist das belastete Gewissen, ist das verlore­ne Gesicht, ist der zerbrochene Friede in einem. Aber genau das sind auch die Dinge, die müde machen auf dem Weg. - Durch den Text werden wir aufgemuntert: Folgt Jesus nach - auch durch die leidvollen Weg­strecken. Er führt Euch zur Rettung.
Aber ist das nicht etwas viel verlangt: ein solcher konsequenter Weg in der Nachfolge? Hat Jesus nicht leicht reden - als Sohn Gottes? Die­sem Einwand begegnet unser Text mit einem zweiten Blick auf Jesus, näm­lich:


2. Jesus als unser Menschenbruder auf der Erde
Jesus versteht sich als unser Bruder. Im Predigttext heißt es: "Darum schämt der Sohn sich nicht, sie seine Brüder zu nennen. Er sagt zu Gott: ?Ich will dich meinen Brüdern bekanntmachen; in der Gemein­de will ich dich preisen."
Im Glauben müde gewordene Menschen dürfen auf Jesus sehen, der weiß und versteht, wie es uns mit unseren Zweifeln und Fragen geht. Weil er unser Menschenbruder geworden ist, deshalb ist ihm keine menschliche Frage und keine menschliche Erfahrung fremd.
Das gehörte mit zu seinem Erlösungsplan: Gott wollte in Jesus auf die Erde zu seinen geliebten Menschen. Er teilt ihr Schicksal - und über­windet es gleichzeitig. Aus Liebe zu seinen Menschen wird Jesus zum heruntergekommenen Gott:

  • Wir sehen ihn in der Wüste: Er erfährt Hunger und Durst. Sage kei­ner Gott wüsste nicht, was Hunger ist. Deshalb versteht er auch den Hunger der Menschen: den Hunger nach Brot genauso wie den Hunger nach Leben. ER sieht, was in dir hungert!
  • Wir sehen ihn in Versuchung: Versucht mit Macht, versucht mit Reichtum, versucht, den Entbehrungen des Lebens auszuweichen. Sage keiner, Gott verstünde nicht, wie die Versuchung locken und stark werden kann. Deshalb versteht er, wenn es an dir zerrt und du versucht bist, gegen dein besseres Wissen und Gewissen zu han­deln. ER sieht, wie es in dir kämpft. Und er kennt auch deine Nie­derlagen.
  • Wir sehen Jesus weinen - über Jerusalem: Er kennt den Schmerz über geliebte Menschen, die blind in ihr Unglück rennen. Wir se­hen Jesus weinen über seine Freund Lazarus: Er kennt den Schmerz, der einem die Seele zerreißt, wenn ein geliebter Mensch durch den Tod von der Seite gerissen wird. Sage keiner, Gott kenne kein Leid und keinen seelischen Schmerz und keine Trauer. ER kennt auch die Wunden deines Lebens, die der Tod gerissen hat.
  • Wir sehen ihn im Garten Gethsemane verzweifelt bitten: „Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen." Sage keiner, Gott mache der Schmerz und die Todesangst nichts aus. ER versteht dich, wenn du fragst, ob man zwar notwendige aber unangenehme Situationen nicht vermeiden kann.
  • Wir sehen ihn, wie er gequält wird und unschuldig am Kreuz lan­det: Er kennt den Schmerz der Ungerechtigkeit und den Schmerz der körperlichen Qual. Sage keiner: Gott könne nicht leiden. Er kennt Leid. Er kennt dein Leid. Er leidet mit dir.

Und welche Konsequenz ist daraus zu ziehen? Der Hebräerbrief zieht eine sehr seelsorgerliche Konsequenz: Weil Gott in Jesus weiß, was dich Mensch alles bedrängen und bedrücken kann, deshalb ist er barmherzig. Er befiehlt dir nicht, ein Glaubensheld zu sein. Er kommt in deine Not und stellt sich an deine Seite. „Weil er selbst gelitten hat und dadurch auf die Probe gestellt worden ist, kann er nun den Men­schen helfen, die ebenfalls auf die Probe gestellt werden." Er will hel­fen, zu widerstehen - und schreibt dich nicht ab, wenn du es nicht ge­schafft hast. Er kommt, um dich, seinen Menschenbruder oder seine Menschenschwester nicht an solchen Erfahrungen scheitern zu lassen.
Was ist also, wenn du der Versuchung nicht standgehalten hast, wenn du trotzdem eingeknickt bist und versagt hast? Ist dann alles verloren? Da wird ein 3. Blick auf Jesus wichtig:


3. Jesus als unser Retter im Gericht
Wer könnte das schon von sich sagen, dass er in seinem Christenleben immer richtig gehandelt, immer wahr geredet, immer tapfer bekannt, immer treu geglaubt habe? Und nun? Habe ich nun nicht doch ver­spielt - vor Gott? Und noch einmal stellt mir der Hebräerbrief Jesus vor Augen: „Deshalb musste er in jeder Beziehung seinen Brüdern und Schwestern gleich werden. So konnte er ein barmherziger und treuer Oberster Priester für sie werden, um vor Gott Sühne zu leisten für die Sünden des Volkes."
Von unserer Sünde ist die Rede. Sünde ist kein Kavaliersdelikt. Sünde ist immer verfehltes Menschsein. Sünde macht kaputt: Vertrauen, Vertragen, Menschen, Verhältnisse.
Aber Gott begegnet unserer Sünde mit Barmherzigkeit. Worin besteht seine Barmherzigkeit? Gottes Barmherzigkeit ist nicht wie ein Betäu­bungsmittel, das über alles ausgegossen wird, wonach man alles nicht mehr so schlimm sieht. Sünde ist und bleibt schlimm. - Gottes Barm­herzigkeit hat ein anderes Ziel: nämlich Ermöglichung eines neuen Anfangs durch Beichte und Vergebung. Es ist das Glück eines ehrli­chen Neuanfangs, das Gottes Barmherzigkeit schenken will, nicht das Glück, dass nichts ans Tageslicht gekommen ist von meiner Schuld vor den Menschen. Auch im Verborgenen wirkt das Gift der Sünde.

Aber Sünde hat nicht nur eine irdische Dimension, sondern auch eine himmlische. Sünde steht auch immer zwischen mir und Gott, dessen Ordnung ich missachtet, dessen Liebe ich misstraut habe. - Da will Je­sus noch in einer anderen Weise in meinen Blick kommen - als der, der mir hilft, vor Gott zu bestehen: nicht durch mein Tun, sondern durch seine Vergebung. Das Kreuz des morgigen Karfreitags ist das Zeichen dafür, dass Jesus den Riss zwischen Gott und mir geheilt hat. Die Leser des Hebräerbriefes haben dieses Bild besser verstanden als wir es tun: Dass Jesus durch das Opfer seines Lebens uns mit Gott versöhnt hat. Sein Kreuz hat die Brücke gebaut, damit wir vor Gott bestehen können - und ihm einmal ohne Angst begegnen können, ja uns auf ihn freuen können. Denn es ist ja alles geklärt. Alles vergeben.


Heute hat uns dieser Predigttext auf unsere mögliche Müdigkeit und Resignation angesprochen. Das soll so nicht bleiben. Das muss so nicht bleiben. Das darf so nicht bleiben - denn unser Leben soll geheilt werden. Das meint mehr als Gesundheit. Das meint ein Leben, das von Gottes Frieden umgeben wird. Dieser Friede will zu uns kommen. Dieser Friede wird sichtbar und fassbar, wenn wir auf Jesus sehen. Darum gilt: „Lasst uns .... aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Voll­ender des Glaubens."

Amen.

 

Mitnehmen

  • Hauptgottesdienst
  • Hans Wilhelm Ermen