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Das Burnout-Syndrom

24.02.2008

1. Könige 19,1-13a

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigttext: 1. Könige 19,1-10

Liebe Gemeinde!
Unser Predigttext setzt dort ein, wo die Schriftlesung aufhörte, nämlich nach dem grandiosen Triumph des Gottesmannes Elia auf dem Berg Karmel.
Was in der Schriftlesung (sie war einer Kinderbibel entnommen) nicht erwähnt wurde - und was gleich nachgeholt werden muss - ist die Information, dass Elia - wohlgemerkt: ohne den ausdrücklichen Befehl Gottes - die Propheten Baals hatte umbringen lassen.
Nun ist Ahab zu Hause angekommen und erstattet seiner Frau Bericht. Wir hören den Predigttext:

1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. 2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Die¬ner dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! 6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweitenmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
9 Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm: Was machst du hier, Elia? 10 Er sprach: Ich habe geeifert für den HERRN, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.

Eben war er noch der strahlende Sieger auf dem Karmel. Eben war er noch der furchtlose Gottesmann. Eben war er noch voller Energie und ein glühender Verfechter des 1. Gebotes gewesen: „Du, Israel, sollst keine anderen Götter haben neben mir!"
Und nun sitzt dieser Elia in der Wüste unter einem Wacholderstrauch und sagt: „Ich kann nicht mehr! Ich will nur noch eins: Ich will sterben!" Der Held vom Karmel ist ausgebrannt.
Unsere Zeit hat ein Wort dafür gefunden: „Burn-out-Syndrom". Eine Art tiefster Depression hat sich auf sein Leben gelegt. Kaum zu glauben aber wahr: Wähnte sich Elia eben noch auf dem Höhepunkt seines Prophetenlebens, so ist er von einem Augenblick zum anderen auf dem Tiefpunkt seines Lebens angekommen.
Elia mag für die vielen Menschen stehen - vielleicht auch unter Ihnen, die so etwas in ihrem Leben erlebt haben: plötzlich, fast mitten aus heiterem Himmel, geraten sie in eine tiefe Lebenskrise.

Ebenso mag Elia für all die Menschen stehen, die doch um Gott und Glauben und sogar um Glaubenserfahrung wissen - und dennoch gegen diese Erfahrung einer Lebenskrise nicht gefeit sind.
Und unter ihnen sind nicht selten gerade auch Pastoren und Mitarbeiter der Kirche, die sagen: „Ich bin leer gebrannt! Ich kann nicht mehr!" Ausgebrannt. Burnt-out.
Was entdecken wir in dieser Eliageschichte an Aspekten, die uns helfen können im Umgang mit diesem „Burn-out-Syndrom", mit diesem Ausgebranntsein.

1. Elias Weg in die Krise
Elia unter dem Wacholderstrauch. Es scheint widersprüchlich. Er, der eben noch um sein Leben gefürchtet hatte, hat plötzlich den Wunsch zu sterben: „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter." Wie ist es dazu gekommen? Wie ist er dazu gekommen? Wie kann das geschehen, dass man mit seinem Leben so in die Depression gerät?
Ehe wir bei Elia Ursachenforschung für seine Depression betreiben, muss gesagt werden, das man bei Depressionen und depressiven Stim¬mungen genau hinsehen und unterscheiden muss:

  • Da muss man wissen, dass es die Depression als psychiatrische Krankheit gibt, die medizinisch behandelt werden muss. Möglicherweise kennen Sie eine solche Erkrankung aus eigener Erfahrung - oder aus der Erfahrung des Zusammenlebens mit einem solchen Menschen. Dann wissen sie um die Hilflosigkeit, die man da spürt. Da helfen keine Appelle, kein gutes Zureden, keine Ablenkung. Da möchte man ungeduldig werden - und es hat doch keinen Zweck. Da kann man als nächster Angehöriger eigentlich nur eins: da sein und es aushalten und beten. - Von meinem Predigersemiarleiter Helmut Tacke, der selber oft an Depressionen erkrankte, habe ich gehört, dass er Klagepsalmen gelesen und gebetet habe, weil sie ihm Sprachhilfe gegeben haben, seine depressiven Gedanken ausdrücken zu können. Das hat ihn nicht von den Depressionen befreit, aber ihm darin geholfen.

Die Frage ist also: Ist Elia an einer solchen letztlich unerklärlichen Depression erkrankt - oder könnte seine Depression, seine innere Leere und sein Ausgebrannt-sein auch andere Gründe haben? Gibt es Hinweise für den Grund seines Weges in diese Krise?

Wenn wir noch einmal einen Rückblick auf seine Geschichte tun, dann entdecken wir ein paar Dinge, die wohl ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Elia so ausgebrannt ist.
Er war Einzelkämpfer. Manchmal fragt man sich, ob er sich nicht mehr in den Mittelpunkt gestellt hat als unbedingt nötig. Er war Einzelkämpfer, obwohl er es nicht sein musste. Offensichtlich gefiel er sich in der Rolle, als Mann Gottes dem König Ahab die Stirn zu bieten. Risiken und Herausforderungen erschrecken ihn nicht - im Gegenteil! Den diskreten Hinweis, dass es noch 100 weitere Propheten Jahwes gibt außer ihm, ignoriert er. Er will „sein Ding" durchziehen - und genießt offensichtlich seine Alleingänge. Und er fühlt sich als der „Held vom Karmel".

Und dann kommt eine Frau und droht ihm: „Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen (gemeint sind die getöteten Baalspropheten) getan hast!" Diese Drohung einer Frau, deren Gott „Baal" er eben mit Jahwes Hilfe eindrucksvoll besiegt zu haben scheint, reicht, um Elia fliehen zu lassen. - Und aus einem selbstbewussten Menschen wird ein Mensch in tiefster Selbstwertkrise: „Ich bin (auch) nicht besser als meine Väter."

  • Könnte es sein, dass vieles Ausgebrannt-sein gerade auch von Mitarbeitenden in der Kirche darin ihren Grund hat, dass sie Einzelkämpfer sind? Dass sie sich selbst zu wichtig nehmen: „Ohne mich läuft nichts!" Hier kann man nur sagen: „Vorsicht, Falle!"- Ich schlage die Brücke zur Presbyteriumswahl: Ein gutes Presbyterium ist eine Hilfe, dieser Falle zu entgehen. Seine Aufgabe ist es, zusammen mit dem Pfarrer die Gemeinde zu leiten. Ein Presbyterium, das seine Leitungsaufgabe ernst nimmt, ist die Absage an alles Einzelkämpfertum auch seines Pfarrers. Und ein Pfarrer, der sein Presbyterium und seine Mitarbeiter ernst nimmt, der fühlt sich eingebunden in eine tragende Gemeinschaft - und alles pfarrherrliche Gehabe sollte ihm fremd sein. Und genau so, als tragende Gemeinschaft, habe ich das Presbyterium in dieser Gemeinde immer wieder erfahren. Das hat mich oft davor bewahrt, ausgebrannt zu sein.

Das ist das Gefährliche bei Elia: Als Einzelkämpfer war er ohne Gemeinschaft und ohne Seelsorger. Er brauchte offensichtlich keinen, den er mal um Rat fragen konnte - oder es hat keiner gewagt, ihn zu fragen. Wie geht es Dir eigentlich? Und weil er keinen hatte, mit dem er reden konnte, blieb Elia nach seiner Meinung nur die Flucht!

  • Heute sieht diese Flucht anders aus: Mitarbeitende, die sich überfordert fühlen, streichen kurzfristig Termine, flüchten in die Grippe und verkriechen sich in sich selbst und vor sich selbst.

Und so befinden sie sich genau da unter ihrem persönlichen Wacholderbaum in ihrer persönlichen Krise und in ihrer persönlichen Wüste.
Was ist in alledem dennoch tröstlich? Dass der, der hier am Tiefpunkt seines Lebens angekommen ist, einer der Großen der Bibel ist. Die Bibel verschweigt ihre Krisen nicht. Biblische Größen leben nicht von ihrem Genie, sondern immer von der Größe und Barmherzigkeit Gottes, egal ob sie Elia oder David oder Petrus heißen. Tröstlich ist aber vor allem, dass solche Wüsten für Gott nicht das Ende, sondern der Anfang sein können. Er ist schon auf dem Weg zu Elia.

2. Gottes Weg zu Elia
Unser heutiger Sonntag heißt „Oculi" - und dieser Name ist dem Psalmwort aus Psalm 25 entnommen: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen." (Ps. 25,15) - Es nennt den Ort, wohin man nach Hilfe Ausschau halten kann. Allerdings: Elias Augen sehen schon nicht mehr hoffnungsfroh auf den Herrn. Er steckt schon zu tief in seiner Depression. Hier ist es umgekehrt: Gott sieht auf den ausgebrannten und lebensmüden Elia.
Er sieht ihn und überlässt ihn nicht seiner Depression und nicht seinem erwünschten Schicksal. Nun beginnt seine Seelsorge an Elia. Er schickt einen qualifizierten Seelsorger zu ihm. Und der sorgt für Elia. Einen Boten Gottes - vielleicht war es einfach ein Hirte, der vorbeiam. Wahrlich ein Engel Gottes - wenn auch ohne Flügel. Gottes Engel brauchen keine Flügel.
Unter Seelsorger versteht man meist Menschen, die das richtige Wort und den richtigen Rat bei sich haben. Dieser Seelsorger hat erst mal etwas anderes mit - die richtigen Lebensmittel: geröstetes Brot und Wasser. Gottes Seelsorge fängt oft mit der Leibsorge an. Er sieht, was Elia nötig hat. Und zu dieser Leibsorge für Elia gehört wohl auch noch etwas anderes: ein richtig tiefer Schlaf.
Es fällt auf, was dieser Bote Gottes also nicht tut: Weder kritisiert er, noch versucht er zu trösten. Weder tadelt er ihn, noch fordert er ihn auf, sich endlich am Riemen zu reißen. Er erinnert ihn auch nicht an das „große Ding" auf dem Karmel.
Was der Bote tut ist: er bleibt Elia treu, hört ihm zu, steht ihm bei und begleitet ihn aufmerksam. Er hat ausgehalten. Er hat das Nötige gereicht. Und das hat gereicht. - Vielleicht haben sie das ja auch schon mal erlebt, dass ihnen so ein anderer zum Engel geworden ist: nicht durch eine großartige Aktion, sondern durch ein kleines Zeichen, ein ermutigendes Wort.
Elia erfährt geistliche Begleitung. Er erfährt das, was wir in unserer Gemeinde auch gerne aufbauen wollen: dass Menschen und insbesondere auch Mitarbeitende einen Menschen haben, mit dem sie reden können und der ihnen zuhört. Nichts großartig professionelles, sondern einfach ein Du, mit dem man reden und beten kann. Wir sind dabei, das zu organisieren - und man darf sich gerne melden: wenn man solche Begleitung sucht - oder auch anbieten möchte.
In unserer Eliageschichte entdecken wir, wie Elia wieder durch Gottes angebotene geistliche Begleitung Gottes Gegenwart erfährt und es lernt, ihm seine Selbstzweifel, sein Ausgebranntsein und seine Einsamkeit auszusprechen. Das ist die Art Gottes: Wenn Gott zu seinen Menschen kommt, die leergebrannt sind, dann nimmt er sich zuallererst Zeit zum Zuhören. Das ist der Anfang zum heil werden.
Dieser Gott, der Elia in der Wüste seines Lebens begegnet ist, macht ihm deutlich: Es geht nicht um das Ende, sondern um einen neuen Anfang.


3. Elias Weg aus der Krise
Wohin geht Elias Weg? Es mag erstaunen: Er führt nicht zurück zu den Menschen - wenigstens noch nicht gleich. Der Weg führt zum Berg Horeb, den wir auch unter dem Namen Berg Sinai kennen. Also an den Ort, wo Gott seinem Volk Israel erschienen ist. - Bevor Elia neu „auf die Menschheit losgelassen wird", muss er Gott neu begegnen und - das scheint nötig zu sein - sein Gottesbild korrigieren lassen. Gott zeigt ihm später, wo er nicht zu finden ist: auch nicht im verzehrenden Feuer, mit dem Elia beim Gottesurteil so souverän operierte. Und er musste sich seine Augen auch noch für andere Dinge öffnen lassen - z.B., dass er gar nicht der „letzte Mohikaner" ist, wie er dachte, sondern dass Gott sein Volk in Israel hat, das ihm treu war - und das er nicht sehen wollte, weil er so gerne der Held sein wollte.

Wie sollen wir nun diese Wüstenzeit beurteilen? Die Wüstenzeit, die Elia als Tiefpunkt seines Lebens erfahren hat, wird im Nachhinein anders gesehen werden dürfen: nämlich als Wendepunkt und Neuanfang in seinem Leben - weil ihm dort Gott begegnet ist, der seinem Leben eine Wende und einen neuen Anfang geschenkt hat.
Vielleicht erkennen Sie das im Nachhinein auch im Blick auf die Wüstenzeiten ihres Lebens: Dass Gott sie dort aufgesucht hat - und einen neuen Weg gezeigt und mit Ihnen angefangen hat, den Weg zum Leben.
Und vielleicht ist auch dieser Gedanke es wert, aus diesem Gottesdienst mitgenommen zu werden: Wüstenzeiten in unserem Leben müssen nicht das Ende sein, sondern Gott kann sie in besonderer Weise gebrauchen, um uns dort zu begegnen und unserem Leben eine neue Richtung ein neues Ziel und ein neues Leben zu schenken. Gott schenke uns die Augen dafür. Amen.

 

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