Ein Kompass für unser Leben
1.Johannes 5,11-13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Predigttext: 1. Johannes 5,11-13
Liebe Gemeinde!
Es gibt das Kinderspiel „Stille Post" - Sie kennen es vielleicht. Kinder sitzen im Kreis und dem ersten Kind wird ein Satz ins Ohr geflüstert. Dieses gibt, was es verstanden hat seinem Nachbarn auf die gleiche Weise, also flüsternderweise, weiter. Und der wiederum seinem Nachbarn. Und das letzte Kind sagt dann, was bei ihm angekommen ist. Und es ist manchmal ganz lustig, welche Veränderung der Satz auf diesem Weg erfahren hat. Das ist geradezu der Gag dieses Spiels.
Mit der Botschaft von Jesus Christus war Vergleichbares geschehen. Sie war auf den Weg gebracht worden und weitergegeben worden. Und auf diesem Weg war sie verändert worden. Auf diesem Weg der Überlieferung hatte sich zuweilen anderes in die Botschaft eingeschlichen: eigenes Wunschdenken vielleicht oder auch fremdes Gedankengut. Und was da am Ende heraus gekommen war, das hatte der Jünger Johannes überhaupt nicht mehr lustig gefunden: Wenn z.B. wie in diesem Fall Jesus klein gemacht wird und der eigene Glaube selbstherrlich und arrogant wird. Da waren Christen theologisch auf die schiefe Bahn geraten. Ihnen musste widersprochen werden.
Und so schreibt er den 1. Johannesbrief. Er erinnert an den Anfang, als die Botschaft noch ursprünglich war. Einige Kernaussagen dieses Briefes sind der für heute vorgeschlagene Predigttext. Er steht 1. Johannes 5,11-13:
11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. 13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.
Johannes benennt in diesem Abschnitt hier drei wesentliche Aspekte des Evangeliums. Sie begegnen uns heute am Anfang des neuen Jahres - und könnten somit so etwas wie ein Kompass für das neue Jahr sein.
1. Gott will, dass wir leben
„Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn." (V.11)
Wir leben. Da schlägt ein Herz. Da atmet eine Lunge. Da funktioniert der Kreislauf. Wir tun oft eine Menge dafür, dass das auch lange so bleibt. Manche treiben Sport. Ich auch - und nehme morgens zusätzlich meine halbe Cholesterintablette. Manche Menschen leben geradezu von Tablette zu Tablette. Was tun wir nicht alles für dieses Leben? Ich sage ausdrücklich: Und das ist gut so. Das ist gegen den Irrglauben, der sich zuweilen eingeschlichen hat, als ginge es im christlichen Glauben nur um die Seele. --Das ist gut so - aber nicht alles. Leben ist mehr! Gerade Johannes ist es, der das Anliegen Jesu besonders deutlich macht, dass Leben ins Leben kommt. Leben ins Leben - was ist das?
Bei näherem Hinsehen in den griechischen Urtext des Neuen Testaments entdecken wir, dass es dort zwei Worte für Leben gibt:
a)Das Wort „bios". Wir entdecken es im Wort Biologie. Biologie ist die Lehre vom Leben. Es beschreibt die mechanische Seite des Lebens mit Kreislauf, Atmen, Stoffwechsel, Zellteilung usw.
b)Hier steht das Wort „zoä". Es beschreibt nicht die mechanische Seite, sondern die qualitative Seite des Lebens: Leben, das sich entfaltet, das nicht nur biologisch, sondern auch seelisch wächst und reift.
Und nun wird dieses Wort für das qualitative Leben noch um ein weiteres Wort ergänzt: „zoä äonion", was übersetzt „ewiges Leben" heißt. Immer wieder taucht insbesondere im johannäischen Schriftgut dieser Begriff auf: „ewiges Leben". Am bekanntesten ist wohl die Stelle Johannes 3,16: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."
Manche steigen an dieser Stelle aus dem christlichen Glauben aus, weil sie fürchten, dass jetzt die Erde verlassen wird. Der Philosophe Friedrich Nietzsche hat seinen Mitmenschen beschwörend zugerufen: „Ich beschwöre Euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu, und glaubt denen nicht, welche Euch von überirdischen Hoffnungen reden!"
Wenn er das so gesagt hat, dann wird er möglicherweise etwas gesehen haben, dass nämlich Christenmenschen das ewige Leben auf die Zeit nach dem Tod verlegt haben: Jenseitsvertröstung statt den Glauben im Diesseits zu leben. Wenn das so ist, dann ist da bei der „stillen Post" etwas verloren gegangen, was in Erinnerung gerufen werden muss:
Denn „ewiges Leben" schließt die Lebenszeit hier und heute gerade nicht aus, sondern ein. Das ist nicht Zukunftsmusik, sondern gelebte Gegenwart. Das ist das Leben, das Gott für uns im Sinn hat - heute schon: Ein Leben, in dem Gottes Geist in uns und aus uns etwas wachsen lässt, was unser heutiges Leben prägt - aber das gleichzeitig auch durch den Tod nicht zerstört werden kann.
Und dieses ewige Leben ist mit einem Namen und mit der Geschichte einer Person verbunden: Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Sohn Gottes. Daran allein kann und muss sich der Glaube fest machen, sonst gerät er entweder ins Schwimmen oder auf theologische Abwege. Das ist das Anliegen des 1. Johannesbriefes, dass er gegen alle vergeistigte Theologie seiner Zeit (und aller Zeit) den Glauben erdet in Jesus Christus. Und damit sind wir beim zweiten Punkt:
2. Kein Leben ohne Gott den Sohn
„Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht." (V. 12)
Leben, das nach Leben im Leben sucht, wird von Johannes an die Quelle des Lebens verwiesen: an Jesus, den Sohn Gottes. Auch das ist eine Linie, die die ganzen johannäischen Schriften durchzieht und auf Jesus selbst zurück geht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!" Kein Leben ohne Jesus, ohne Gott den Sohn.
Das ist zunächst ein Satz, der manche ärgert. Sie fühlen sich mit ihrem gelebten Leben kritisiert und disqualifiziert, weil dieser Jesus in ihrem Leben zugegebenermaßen nun gar keine Rolle spielt. Und ich kenne viele ausgesprochen sympathische Menschen, bei denen ist das der Fall: nett - aber ohne Jesus. Und auch Sie werden solche Menschen kennen. Ich kann sie in ihrem Ärger verstehen: So etwas lässt sich keiner gerne „auf's Butterbrot" schmieren, der sich eigentlich ganz wohl in seiner Haut fühlt: „Du lebst, aber das richtige Leben fehlt dir noch!" - Wie sollen wir damit umgehen? Ihnen die Hölle heiß machen - oder doch lieber ihnen den Himmel lieb machen?
Auch das können wir aus dem Johannesbrief lesen, dass er Gott als Gott der Liebe groß macht. Und wenn etwas einen Menschen aufschließen kann für das Leben mit der Lebensqualität Gottes drin, dann nur die Liebe. Und nie die Angst: Aus Angst schließe ich vielleicht eine Versicherung ab, aber Angst ist keine gute Grundlage für den Glauben, was doch übersetzt heißt: Vertrauen. Gott will nicht meine Angst, sondern mein Vertrauen.
Vielleicht nimmt es uns auch den inneren Druck, wenn wir uns klar machen: Er ist doch schon längst ein Mensch, den Gott immer schon geliebt und mit sich versöhnt hat. Was kann ich tun, damit er das entdeckt?
Aber wir müssen zum Hauptsatz zurück - und der heißt: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben!" - Was heißt das und wie wird das gelebt - vielleicht ja auch so gelebt, dass es andere neugierig macht auf Jesus:
a)„Den Sohn haben", das heißt: Jesus als Angebot des Lebens begreifen - und zugreifen, erfassen, festhalten, dass Jesus sagt: Ich will für dich da sein und dein Leben prägen.
b)„Den Sohn haben", das heißt: Jesus als die Wirklichkeit des Auferstandenen ernstnehmen: die tägliche Lebensgemeinschaft mit ihm suchen und pflegen.
c)„Den Sohn haben", das heißt: Jesus entdecken als den Lastenträger meines Lebens und in Anspruch nehmen: Mit ihm über Freud und Leid des Lebens reden. Seine Vergebung erfahren im Blick auf verkehrte Wege und Entscheidungen - und immer wieder neu anfangen dürfen.
d)„Den Sohn haben", das heißt: Jesus als Wegbegleiter und -berater haben. Nach seinem Willen fragen und diesen Willen leben.
Das Leben, das so gelebt wird, ist nicht weltflüchtig, sondern macht welttüchtig. (Auch das musste den gnostischen Irrlehrern damals und den oft sogar sehr frommen Irrlehrern heute in Erinnerung gerufen werden: Das Zeugnis von Jesus beinhaltet immer ein von Jesus in dieser Welt gelebtes Leben, das die Menschen in ihrer Not und die Welt mit ihren Nöten im Blick gehabt hat - und diese angepackt hat. Das war Leben mit echtem Leben drin.)
Aber ich selber gestehe: Ich könnte ein solches Leben nicht leben ohne Gott den Sohn, ohne das Vertrauen, dass solches Leben Sinn macht - und er selber mir die Kraft dazu schenkt. Und damit sind wir beim 3. Punkt:
3. Die Gewissheit sinnvollen Lebens
Was Johannes hier an die verwirrten und verirrten Christen seiner Zeit schreibt, ist keine Art Leserbrief mit einer unverbindlichen Meinung. Es geht ihm darum, dass Christen wieder festen Grund unter die Füße bekommen, auf dem sie gehen können -und auch wir durch das Jahr 2010: „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes." (V. 13) Er erinnert in seinem Schreiben an die Botschaft des Anfangs, damit sie in ihrem Glauben wieder gewiss werden - und nicht durcheinandergebracht von allem Möglichen neuen Wind der Lehre. Wörtlich übersetzt heißt schreiben: „eingraben, einritzen, in Stein meißeln". Es soll unverlierbar sein. Auf diese Worte kann man bauen.
Die skeptische Frage damals wie heute heißt: Aber werden sie auch tragen? In der Krise? In der Not? Gar im Sterben?
Viele Zeugen des Evangeliums haben es bezeugt. Das macht Mut. Selber erfährt es wohl nur der, der es wagt, sein Leben im Vertrauen auf Jesus zu leben. Nur der lernt schwimmen, der nicht am Strand stehenbleibt. Nur der lernt Glauben, der nicht nur theoretische Theologie treibt. Nur der lernt die Kraft Jesu kennen, der sich ihr anvertraut.
Aber genau dazu sind wir eingeladen. Im Blick auf und in der täglichen Verbindung mit unserem Herrn ins neue Jahr zu gehen und zu erfahren, was und wie er Leben sinnvoll macht. Er will, dass wir leben. Das ist sein Versprechen.
Amen.

