Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen
2.Korinther 4,7
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Predigttext: 2. Korinther 4,6-10
Liebe Gemeinde!
Manchmal, nicht sehr oft, aber immer wieder mal träume ich davon, ich würde einen Schatz finden. Einen Schatz, der mein Leben in einem ganz anderen Licht sehen lassen und mich so richtig beglücken würde.
Und dann werde ich wach - und merke plötzlich: Ich habe den Schatz ja schon gefunden. Nicht nur meine Frau - sondern auch Jesus Christus, der mir zum Schatz meines Lebens geworden ist. Warum träume ich eigentlich immer noch, dass es schön wäre, einen Schatz zu finden?
Die Frage stellt sich: Was geschieht da eigentlich, wenn ein Mensch zum Glauben gekommen ist? Und was ändert sich eigentlich, wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus Christus kommt? Aber auch: Was ändert sich gar nicht? Was bleibt - oft zum Leidwesen von Menschen? Was einen weiterhin sehnsüchtig träumen lässt?
Ja, so ist das mit dem Glauben: Einerseits wird etwas überraschend und beglückend neu - andererseits bleibt manches (leider) auch beim Alten. Wir spüren: Da liegt eine Spannung vor - und wir fragen: Warum ist das so? Und muss das so sein?
Von dieser Spannung und von einem spannenden Leben berichtet der heutige Predigttext aus dem 2. Korintherbrief. Paulus selber ist das lebendige Beispiel für dieses Leben in Spannungen, und wohl auch ein Beispiel für ein spannendes Leben. Wir hören 2. Korinther 4,6-10:
6 Gott hat einst gesagt: »Licht strahle auf aus der Dunkelheit!« So hat er auch sein Licht in meinem Herzen aufleuchten lassen und mich zur Erkenntnis seiner Herrlichkeit geführt, der Herrlichkeit Gottes, wie sie aufgestrahlt ist in Jesus Christus.
7 Ich trage diesen Schatz in einem ganz gewöhnlichen, zerbrechlichen Gefäß. Denn es soll deutlich sichtbar sein, dass das Übermaß an Kraft, mit dem ich wirke, von Gott kommt und nicht aus mir selbst.
8 Ich bin von allen Seiten bedrängt, aber ich werde nicht erdrückt. Ich weiß oft nicht mehr weiter, aber ich verzweifle nicht. 9 Ich werde verfolgt, aber Gott lässt mich nicht im Stich. Ich werde niedergeworfen, aber ich komme wieder auf.
10 Ich erleide fortwährend das Sterben, das Jesus durchlitten hat, an meinem eigenen Leib. Aber das geschieht, damit auch das Leben, zu dem Jesus auferweckt worden ist, an mir sichtbar wird.
Paulus beschreibt mit diesen Worten die Erfahrungen seines Lebens und seines Glaubens. Drei Gedanken dazu
1. Der Schatz: Ich habe Gottes Herrlichkeit erkannt
Was hat Paulus da eigentlich erkannt und erfahren? Er hat selbst erfahren, wie er als Mensch innerlich umgekrempelt werden kann. Er vergleicht das Handeln Gottes an sich quasi mit dem Handeln Gottes bei der Schöpfung. So wie Gott am Anfang die Welt aus dem Nichts ins Sein rief - also völlig voraussetzungslos, so hat er auch an ihm gehandelt. Er sagt: „Gott hat einst gesagt: »Licht strahle auf aus der Dunkelheit!« So hat er auch sein Licht in meinem Herzen aufleuchten lassen und mich zur Erkenntnis seiner Herrlichkeit geführt, der Herrlichkeit Gottes, wie sie aufgestrahlt ist in Jesus Christus." (V. 6)
Paulus erinnert sich hier wohl an den alten Paulus, bevor er Jesus erkannt hatte. Er war voller Fanatismus und Hass auf diesen neuen Glauben, auf die Lehre Jesu und auf seine Jünger. Möglicherweise hat er Jesus selbst gekannt - nicht persönlich, aber er wird ja Zeitgenosse Jesu gewesen sein und von ihm gehört haben -. und ihn mit allen Fasern seines Herzens abgelehnt haben. Das Kreuz Jesu war für ihn nur die verdiente Strafe Gottes für diesen Jesus gewesen, diesen Gotteslästerer. Und deshalb hatte Paulus mit all seinen Möglichkeiten die christliche Gemeinde verfolgt - bis ihm dieser Jesus in einer Vision vor Damaskus erschienen war. Und diese Begegnung hatte sein Leben umgekrempelt:
- Aus dem Feind Jesu war ein Freund Jesu geworden.
- Aus dem Verfolger der Christen ein Nachfolger Christi.
- Aus dem Anhänger des strengen Gesetzes Israels ein Verfechter der Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
Mit einem Satz: Gott hatte Paulus völlig verwandelt in einen neuen Menschen. In seinem Herzen trägt er die neue Erkenntnis wie einen kostbaren Schatz: Gott ist ganz anders als ich bisher dachte - Gott ist mir gnädig und gut. Und das erkenne ich am Leben und am Sterben Jesu - und an seiner Auferstehung. Daran ist mir aufgegangen, wer Gott ist. In Jesus ist die Herrlichkeit Gottes aufgestrahlt und sichtbar geworden.
Und genau um diese Erkenntnis geht es bis heute: Um die Erkenntnis, die Jesus gebracht hat: wer nämlich Gott ist - nicht an sich, sondern ein Gott für mich. Und um die verwandelnde Erfahrung, dass darüber das eigene Herz voller Licht und Freude wird. Ein Licht, das die Dunkelheit in meinem Leben erhellen will. Es besagt:
- Gott ist kein Gott zum Fürchten und Ängsten, sondern zum Leben in Ehrfurcht vor ihm und zum Lieben.
- Gott ist kein Gott zum Misstrauen, sondern zum tiefsten Vertrauen: Seine Treue gilt.
- Gott ist kein Gott zum Weglaufen, sondern zum Hinlaufen: Seine ausgebreiteten Arme warten auf mich.
Das ist das Licht der Herrlichkeit Gottes, das mir und Dir aufgehen soll und das unser Leben verwandeln soll in einen tiefen Frieden und eine tiefe Freude. Sie verändert den inneren Menschen, sie verändert den Menschen von ganz tief innen. Aber was ist mit dem äußeren Menschen?
2. Die Spannung: Ich werde Christ - und bleibe Mensch
Christenmenschen tragen also einen Schatz in sich. Was macht das mit ihnen - auch äußerlich? Ich bin ein Verfechter des biblischen Gedankens, dass dieser Schatz von innen nach außen dringt. Dass er Prägekraft besitzt auch für die äußere Gestalt des Lebens. Dass ein Mensch, der die Freude des Christseins in sich trägt, doch kein notorischer Griesgram sein kann. Dass einer, der Gott vertraut, sich auch etwas traut. Ein Christ behandelt diesen Schatz nicht wie ein Geheimniskrämer. Der Schatz hat Prägekraft - aber in Grenzen. Ich bleibe Mensch, ich bleibe menschlich, ich bleibe Sünder. Das ist die Spannung.
Darauf verweist Paulus jetzt, wenn er sagt: „Ich trage diesen Schatz in einem ganz gewöhnlichen, zerbrechlichen Gefäß. Denn es soll deutlich sichtbar sein, dass das Übermaß an Kraft, mit dem ich wirke, von Gott kommt und nicht aus mir selbst."
Er schreibt diese Zeilen an eine Gemeinde in Korinth, die denkt: „Wer Bote dieses Evangeliums ist, der muss auch selbst stark und begeisternd sein, muss etwas von der Kraft des Evangeliums ausstrahlen, muss auch eine äußerlich beeindruckende Person sein." - Und damit ist Paulus schon bei ihnen unten durch! Eine offensichtlich unscheinbare Persönlichkeit, keine strahlende Persönlichkeit, eher etwas mickrig geraten, ein eher mittelmäßiger Prediger - und zu allem Überfluss wohl auch noch etwas kränklich. Alles andere als ein pastoraler Superstar - nicht geeignet für telegene Fernsehauftritte.
Der Schatz des Evangeliums in „ganz gewöhnlichen, zerbrechlichen Gefäßen" - das ist das, woran auch wir oft genug leiden - und das betrifft nicht nur den einzelnen Christen:
- Da ist eine christliche Gemeinde - und sie ist nicht immer nur „ein Herz und eine Seele", sondern da menschelt es immer wieder: Unbedachte Worte, Verletzungen, Unaufmerksamkeiten. - Und doch das Gefäß, in dem uns der Schatz des Evangeliums begegnen will. Und in aller leidvollen Spannung wird hier etwas deutlich: Eine Gemeinde lebt nicht von ihrer äußeren Erscheinung, sondern von der Botschaft, die ihr anvertraut ist. - Es geht letztlich um die Faszination durch die Botschaft von der Gnade Gottes - und nicht um die Faszination einer Gemeinde, die sich selbst als Superstar inszeniert. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich rede nicht einem tristen Gemeindeleben das Wort, aber der geistlichen Notwendigkeit, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt. - Der Schatz des Evangeliums in „ganz gewöhnlichen, zerbrechlichen Gefäßen" - das ist das, woran auch wir oft genug leiden:
- Da ist die prominente Person des Boten des Evangeliums. Sie steht im Blickpunkt des Interesses. Und als eine Bischöfin gesteht, dass ihre Ehe gescheitert sei, da sind es besonders fromme Menschen, die nach ihrer Eignung für dieses Amt fragten. - Und wir haben wieder zu lernen, dass auch die Verkündiger des Evangeliums zu den zerbrechlichen Gefäßen gehören, die von Scheitern und Schattenseiten ihres Lebens wissen, die von leidvollen Erfahrungen nicht verschont bleiben müssen - und es gilt: Auch sie sind ein zerbrechliches Gefäß - und tragen doch einen Schatz in sich, der sie trägt und der gerade auch durch ihre äußere Zerbrochenheit, durch die Risse, die ein solches Gefäß zuweilen aufweist, nach außen strahlen kann und will: Der Schatz der Vergebung und der Treue Gottes z.B..Und wenn der „Erfolg" einer Gemeinde an Personen und an ihrer Ausstrahlung festgemacht wird, dann werde ich immer nervös. Sie sind nur das irdene Gefäß. Der Schatz, von dem eine Gemeinde lebt, ist Christus. Wenn das nicht verstanden wird, ist das der „Tod im Topf" für dieses Gemeindeleben.
- Auf noch ein irdenes Gefäß muss ich zu sprechen kommen, Die Bibel selber ist ein solches „ganz gewöhnliches, zerbrechliches Gefäß". Sie ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist von Menschen geschrieben, die von Gotteserfahrung und Gotteserkenntnis berichten - aber weil sie Menschen sind und von Gott nicht entmenschlicht wurden - ist auch sie mit menschlichen Irrtümern und zeitbedingtem Denken behaftet. - Und sie beinhaltet doch Gottes hellen Schein, sein Wort - insbesonders die gute Nachricht von der Liebe Gottes in Jesus Christus.
Auch wenn wir es uns einfacher wünschten - dieser Frage können wir im Blick auf die Bibel nicht ausweichen: Was ist göttlich, was ist menschlich? Wo sind die Aussagen zeitbedingt, wo sind sie ewig gültig?" Was ist der Schatz - und was ist der Tontopf? - Es gibt nicht wenige Stellen der Bibel, die geben eher das unvollkommene und schwache oder auch zeitbedingte menschliche Denken wieder als die Wahrheit Gottes:
- z.B. naturwissenschaftliche Aussagen z.B. im Schöpfungsbericht: Menschlich ist die damals mögliche naturwissenschaftliche Erkenntnis, ewig ist die Wahrheit, dass Gott der Schöpfer ist.
- z.B. Rachegedanken in den Psalmen: Rachegedanken sind menschlich - aber Gott sei Dank werden diese Gedanken Gott überlassen.
- z.B. manche alttestamentlichen Aussagen zum brutalen Strafvollzug des Alten Testaments - sie werden durch Jesus außer Kraft gesetzt, der von der heilenden Kraft der Vergebung und der Liebe Gottes weiß. (Wir erinnern uns an seinen Umgang mit der Ehebrecherin.)
- z.B. Gedanken zur merkwürdigen Stellung der Frau bei Paulus, die in der Gemeinde schweigen soll - z.B.! Konsequenterweise erhielte Petra Schelkes ab sofort Predigtverbot. Unseren Presbyterinnen müsste dieses Amt sofort gekündigt werden. - Diese Gedanken sind nicht der Schatz des Evangeliums. Sie sind zeitbedingt und menschlich. - Die Wahrheit Gottes spricht nicht der Herrschaft sondern der liebevollen und ergänzenden Partnerschaft das Wort.
Aber Gott hat es so gewollt, dass er den Schatz seines Wortes durch schwache und unvollkommene Menschen überliefern lässt. Und letztendlich ist er selbst es, der wirkt, dass Menschen die Augen für diesen Schatz geöffnet werden. Und ein Maßstab für das rechte Verständnis der Aussagen und Anweisungen der Bibel ist die Person Jesu. Er ist der Schlüssel zum Schatz der Bibel. Diese Arbeit in Verantwortung vor Gott zu tun bleibt uns nicht erspart.
Das heißt aber auch, genauer hinzusehen: Wer nur auf das Gefäß sieht, der wird oft enttäuscht sein. Viel Menschliches in angeblich Göttlichem - und in manchem Glanz zu viel Oberflächliches begegnet einem insbesondere bei Menschen und in Gemeinden. Wer nur dem Gefäß begegnet, der begegnet nicht dem Eigentlichen. - Aber wer sich drauf einlässt, tiefer hinzusehen und nach dem eigentlichen Inhalt zu fragen, der soll dem verborgenen Schatz begegnen - und ist überrascht und beschenkt. Und bekommt, was er zum Leben wirklich braucht.
3. Die Erfahrung: Ich lebe aus der Auferstehungskraft Jesu
Da ist nun mit Paulus einer wirklich dem hellen Schein der Liebe und der Kraft Gottes begegnet. Er lebt in der Welt wie sie ist und erlebt die Tiefen, die auch andere Menschen erleben - und mancher vielleicht auch unter uns. Er wird von den schlimmen Dingen des Lebens nicht verschont, aber er wird gehalten. Er bleibt nicht vor schweren Tage bewahrt, aber er bleibt in solchen Tagen bewahrt. Das ist die nüchterne Lebenserfahrung eines Christen, die aber um die Glaubenserfahrung zu erweitern ist. Da erfährt man die Kraft dieses Lichtes.
Davon spricht Paulus zum Schluss unseres Predigttextes:
- Ich bin von allen Seiten bedrängt, aber ich werde nicht erdrückt.
- Ich weiß oft nicht mehr weiter, aber ich verzweifle nicht.
- Ich werde verfolgt, aber Gott lässt mich nicht im Stich.
- Ich werde niedergeworfen, aber ich komme wieder auf.
- Ich erleide fortwährend das Sterben, das Jesus durchlitten hat, an meinem eigenen Leib. Aber das geschieht, damit auch das Leben, zu dem Jesus auferweckt worden ist, an mir sichtbar wird." (V. 8-10)
Das sind keine theoretische Glaubenssätze. Das sind Sätze aus gemachter Lebens- und Glaubenserfahrung des Paulus: Ein schwacher Mensch, der viel durchmacht - aber der gerade in solchen Situationen die Kraft des Auferstandenen erfährt. Diese Erfahrung bezeugt uns Paulus. Das können auch manche unter uns so bezeugen.
Ich will betonen: Wir müssen nicht danach suchen, um es selber erfahren zu wollen. Das wäre Gott versuchen.
Aber die Erfahrungen des Paulus wollen uns ermutigen, nicht zu verzagen. Wir leben nicht von dem, was wir selber tragen können oder ertragen. Wir leben von dem, der uns trägt. Auch uns. Das ist der Schatz, aus dem wir leben können. Es ist die Auferstehungskraft Jesu, die an uns das letzte Wort haben wird: Das Leben, das der Todesmacht und allen Todesmächten dieser Welt letztendlich entzogen ist und Gott gehört in alle Ewigkeit.
Amen.

