Es musste sein!
Markus 8, 31-37
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Predigttext: Markus 8,31-37
Liebe Gemeinde!
Hören Sie vielleicht auch die sogenannte Morgenandacht im Radio? Darauf hat mich jahrelang nur äußerst selten mal einer angesprochen - aber seit letztem Sonntag fast laufend. Und ich habe mal im Internet recherchiert, was denn da gesagt wurde und was passiert ist:
Da gehen in diesen Tagen die Wogen hoch, weil ein Superintendent i.R., Burkhard Müller aus Bonn, in den Morgenandachten der vorletzten Woche im WDR davon gesprochen hat, dass Gott den Tod Jesu nicht gewollt hat. Insbesondere hat er sich dagegen ausgesprochen, dass dieser Tod etwas mit der menschlichen Sünde zu tun hat. Gott könne vergeben - auch ohne dieses grausame Sterben am Kreuz. Das Kreuz Jesu sei nicht heilsnotwendig.
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Und die einen klatschen Beifall, weil ihnen dieser Gedanke eines Gottes, der einen so grausam sterben lässt, der offensichtlich ein Menschenopfer fordert, um besänftigt zu werden, schon immer gegen den Strich ging.
- Und die anderen sind zutiefst schockiert und irritiert, weil sie hier einen, wenn nicht gar den zentralen Gedanken des christlichen Glaubens in einer Weise preisgegeben sehen. Ist das Kreuz nicht nur oft der Mittelpunkt in Kirchen, sondern geradezu auch des Evangeliums?
Musste Jesus sterben oder nicht? Im für heute vorgeschlagenen Predigttext kommt Jesus selbst zu Wort. Er redet von einem Doppelten:
- von seinem bevorstehenden Leiden und Tod als einem „muss" - und
- er spricht davon, was es bedeutet, dass Christen in der Nachfolge eines Gekreuzigten stehen.
Das geht also noch in eine andere Richtung: In die Richtung seiner Jünger, die eine gewisse Hochstimmung gepackt hat. Denn der, mit dem sie da unterwegs sind, erweist sich durch Worte und Taten immer mehr als der Messias - also als der, von dem sie und ganz Israel sich die Heilszeit erhoffen: Überwindung von Krankheit und Leid. Wohl auch die politische Wende. Und sie, seine engsten Vertrauten, rechneten ganz gewiss mit einem Platz in der künftigen Regierung - oder zumindest mit Ehrenplätzen in der erste Reihe: „Jerusalem, wir kommen!" In diese Hochstimmung hinein spricht unser Predigttext aus Mk 8,31-37:
31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. 36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?
Nachfolge Jesu zum Kreuz und im Schatten des Kreuzes. Was gilt es zu entdecken und zu begreifen? Wir sind unterwegs mit Jesus ...
1. ... der sein Leben opfert
Die Jünger hatten gehofft, bei Jesus bei einem Aufsteiger gelandet zu sein. Ein Kreuz, einen grausamen Tod hatten sie sozusagen „nicht auf dem Schirm" - und plötzlich schlägt der diese Töne an: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden." (V. 31). - Viele - insbesondere moderne - Menschen (und für sie steht der Altsuperintendent Burkhard Müller) fragen: „Musste er wirklich?" Ging es nicht auch anders?
Zunächst ist zu sagen: In der Tat ist Gott kein Gefangener irgendwelcher Handlungszwänge. Gott kann tun, was und wie er will. Und Jesus tut, was Gott will. Das ist das „muss", das über seinem Leben steht. Er hat es sich nicht ausgesucht. Er ist angefochten. Er wird seinen Vater noch bitten, ob dieser Kelch nicht an ihm vorüber gehen kann. Jesus sagt nicht: „Vielleicht geht es schief in Jerusalem!" - Er sagt: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden."
Worum geht es ihm? Es geht um unser Gottesbild. Wer die Geschichte Jesu sorgfältig liest, der sieht, dass Jesus nicht das Bild eines Gottes vertritt, den er durch seinen Tod besänftigen muss. Es muss kein rachsüchtiger Gott besänftigt und versöhnt werden. Durch Jesus erfahre ich einen Gott, der die rebellische Welt mit sich versöhnen will. Und er hat beschlossen, dass diese Liebe und dieser Ernst ihr Echtheitssiegel bekommen in seinem eigenen Tod. Und man darf es durchaus so verstehen, dass in diesem Tod alle menschliche Schuld und alle menschliche Rebellion gegen Gott durchgekreuzt sind - und dieser Tod die ausgestreckte Versöhnungshand Gottes ist.
Wer bin ich, dass ich dagegen meckere und das alles möglicherweise zu unästhetisch finde. Oder trifft das zu sehr den „Gutmenschen" in mir, dass mir dieses Kreuz schonungslos zeigt, wie todernst auch meine Lage vor Gott ist?
Zum Kreuz Jesu gibt es mehrere Zugänge, die es mir und den Hörern aller Zeit verständlich und zu einer Gotteskraft machen. Nun ist es ja der Sühnegedanke, der in besonderer Weise angegriffen wird. Ist er wirklich so überflüssig?
Ich erinnere mich an eine Vorlesung über Seelsorge, wo darauf hingewiesen wurde, dass Tiefenpsychologen darauf aufmerksam machen, dass „Sühne" dem heutigen Menschen in seinem Unbewussten nicht fremd ist. (Z.B. in der Gestalt, dass sich einer „selbst ohrfeigen könnte") Er versucht, für seine Schuld zu sühnen. Er fühlt sich dazu verdammt, das selber zu tun. - Es wäre eine Erlösung, wenn ihm das ein anderer abnähme. Wenn das stimmt, dann wäre der Sühnetod Jesu am Kreuz noch einmal von einer ganz anderen Seite her als Sühnetod wichtig. Dann ginge es nicht um ein Sühnehandeln, das Gott zufrieden stellt, sondern ein Sühnehandeln, das mir Frieden bringt.
Im Kreuz geht es um nicht mehr und nicht weniger, als, dass mir gewiss wird, dass mein Leben heil und meine Seele gesund wird. Es ist nicht menschliche Logik und schon gar nicht menschliches Recht, die über den Sinn des Kreuzes zu befinden haben, sondern es ist Gottes Logik, die dahinter steht. Das Kreuz ist nicht logisch, es ist theo-logisch. Es entspringt Gottes Weisheit - allen klugen Superintendenten zum Trotz. Und vergessen wir nicht: Es ist immer schon für bestimmte Menschen ein Skandal gewesen - und für andere eine Gotteskraft.
Noch einmal zurück zum Predigttext. Ob Jesus selber nicht die Idee gekommen ist, dass es vielleicht doch auch einfacher gehen könne? Doch! Die Idee begegnet ihm im Einwand des Petrus: „Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren." - Und Jesus nennt das nicht eine bedenkenswerte Idee, sondern Versuchung. „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist." - Was ist das für eine akademisch - theologische Arroganz, die meint, dass Jesus Gott wohl falsch verstanden habe!?
Jesus muss - nicht um Gottes Willen, sondern um unseretwillen. So will uns Gott versöhnen.
Und ein anderer Aspekt des Leidens Jesu kommt über diesem Streit über den Sühnegedanken oft leider zu kurz, der auch nur im Kreuz geerdet werden kann: Vielleicht kann Gott uns nur so zeigen, dass er uns Menschen wirklich versteht und uns nahe ist, wenn wir leiden und wenn wir Opfer von Willkür sind. Nur einen leidenden Gott kann ich ernst nehmen, wenn es um die Frage geht, ob er mich in meinem Leid versteht.
Jesus auf dem Weg ins Leid - und die Jünger mit ihm. Sie werden darauf vorbereitet, dass die Wege der Nachfolge kein Triumphzug sind, sondern dass der Schatten des Kreuzes darüber liegt. - Wir sind unterwegs mit Jesus ...
2. ... der unser Leben fordert
„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren." (V. 34-35)
War eben vom Weg Jesu die Rede, so geht es jetzt um unseren Weg mit Jesus in der Nachfolge. Und die Angst könnte sich breit machen, als ob Jesus das Leben seiner Jünger zu einem einzigen Karfreitag machen wollte. - Nein, das wäre ein Missverständnis!
Zunächst müssen wir entdecken, dass es nicht um das Kreuz Jesu geht, das wir tragen sollen. Das hat er getragen - für uns. Und deshalb muss das keiner von uns mehr tragen.
Hier geht es um das „Ja" zu Jesus, das möglicherweise den eigenen Wünschen und Interessen zuwiderläuft. Wer verleugnet, der sagt: „Ich kenne nicht .." Wer sich selbst verleugnet, der sagt: „Ich kenne mich nicht ..." Der sagt möglicherweise an wichtigen Stellen „Nein!" zum alten egoistischen, selbstsüchtigen und feigen Menschen in sich: „Ich kenne dich nicht!" - Und er geht den Weg der Nachfolge, der dazu führt, dass wir selber unser Kreuz zu tragen haben.
- Es gibt solche Lebenssituationen, da entdecke ich plötzlich den „alten Adam" in mir: Ich will mir ein schönes Fußballspiel angucken und ein gutes Bier dabei trinken. Und dann kommt der Anruf, der mich um Hilfe bittet. Und dann gilt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." Hat Jesus denn seine Ohren auf Durchzug gestellt, als Menschen ihn gebeten haben?
- Mir tut es gut, von vielen Menschen akzeptiert und gemocht sein. Aber es gibt Situationen, da muss ich um Gottes willen Farbe bekennen - z.B. als bei einem Geburtstagsbesuch die alten Herrschaften Judenwitze erzählten und Auschwitz leugneten.. Und in mir sagte es: Halt lieber die Klappe und geh jetzt! Nein! Das ging jetzt nicht! „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." - Um Jesu willen kann ich mich nicht billig aus dem Staub machen, wenn sein Volk beleidigt wird und Lügen verbreitet werden!
- Und es gibt Menschen, die hat dieser Mut des Glaubens mehr gekostet als ein paar Sympathiepunkte - im Zweifelsfall ihr Leben. (Die Konfis erinnern sich vielleicht an Dietrich Bonhoeffer, der seinen Einsatz im Widerstand mit dem Leben bezahlte.) Leide - gerade um der Nachfoge willen.
Nein, Christsein ist nicht billig. Es ist aber auch keine Schikane Gottes gegen mich. In der Nachfolge geht es letztendlich immer darum, dass ich das Leben finde. - . - Wir sind unterwegs mit Jesus ...
3. ... der uns das Leben schenkt
Gibt es denn nur einen „Dämpfer" nach dem anderen für Petrus und Co.? Statt auf den „Olymp" ins „Tal der Tränen"? Wenn wir bis ans Ende lesen (und das ist entscheidend) entdecken wir, worum es wirklich geht: um unser Leben. Nicht um verlorenes, sondern um gefundenes Leben. Gott ist in seinem letzten Ziel kein Gott „gegen", sondern immer ein Gott „für": für die Welt, für das Leben, für uns, für Dich und für mich. Um das Leben, das von Gott kommt und das wirklich gilt. Jesus weist den Weg zu diesem Leben: „ ... wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?" (V. 35b-36)
Es gibt solche Gewinne und Siege im Leben von Menschen, die doch letztendlich keine Siege sind:
- wenn am beruflichen Ziel eines Menschen, in dem er möglicherweise ein Stück Selbstverwirklichung sieht, das Glück seiner Familie zerbricht!
- wenn der Kampf um eine Position in der Firma mit allen Tricks und Raffinessen bedeutet, dass darunter die Menschlichkeit abhanden kommt;
- wenn das Gieren nach persönlichem Reichtum und Wohlstand - koste es, was es wolle, und egal, wie es anderen geht - ein Gemeinwesen zerstört - und vielleicht die Zukunft unserer Kinder verzockt wird.
Leben, das seinen Namen verdient, gibt es nur unter dem „Ja" Gottes. Dieses „Ja!" ist um des Lebens willen manchmal ein „Nein!" zu unserem alten Leben. Dieses „Ja!" ist manchmal ein „Nein!" zu unseren Träumen. Aber es ist ein „Ja!" zu einem Leben mit „Leben und Segen" drin.
Und dieses Leben gibt es: in der Nachfolge Jesu. Unterwegs sein mit Jesus und mit ihm in Zwiesprache sein über unser Leben, die unser Leben trägt und prägt. Das ist zwar kein Spaziergang - aber bestimmt kein Langeweiler. Dazu sind wir eingeladen.

