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Drei Gefährdungen eines Christen

07.03.2010

Epheser 5,1-5+8

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Predigttext: Epheser 5,1-5+8 (Gute Nachricht)

Liebe Gemeinde!
Im Eingangsgebet haben wir darum gebeten, dass wir als Christen auf unserem Weg durch die Welt kein Leid und keine Zerstörung, sondern eine Segensspur hinterlassen. Licht der Welt und Salz der Erde sollen wir sein. Aber ein solcher Weg als Segensspur ist kein Selbstläufer. Er ist immer auch gefährdet - durch menschliches Fehlverhalten - auch von Christen.
Gerade in diesen Tagen sind wir mit solchem Fehlverhalten von Christenmenschen konfrontiert worden, das Menschen gefährdet hat oder auch Menschen tief verletzt hat - und mit dem auch dem Ansehen der Kirche Schaden zugefügt wurde und wird.

  • Da ist das Fehlverhalten einer Bischöfin, die sich betrunken an das Steuer ihres Autos setzt. Die aber - das muss zu ihrer Ehre gesagt werden - es weder vertuscht noch „um den heißen Brei herum geredet" hat und die Verantwortung dafür übernommen und respektable Konsequenzen gezogen hat.
  • Da ist aber vor allem das offensichtlich inzwischen hundertfache sexuelle Fehlverhalten und Vergehen von kirchlichen Mitarbeitern an Schutzbefohlenen hinter kirchlichen Mauern. Es ist einfach nur schockierend, traurig und beschämend. Die, die Licht der Welt sein sollten, haben Dunkelheit verbreitet. Die, die bewahrendes Salz der Erde sein sollten, haben in ätzender Weise Menschenseelen tief verletzt.

Dass wir als Menschen und auch als Christen in unserem Lebenswandel gefährdet sind, das ist nicht neu. Wir sind eben Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Trieben - und versuchlich. Es ist wie es ist. Aber das enthebt uns nicht der Verantwortung für unser Reden und Tun!
Aber es verneint nicht Gottes Berufung: nämlich Gottes heilsame Liebe in diese Welt zu tragen. Eine Liebe, die es hell macht und Hoffnung bringt. Eine Liebe, die sich einbringt als Kraft der Veränderung in unsere Welt: sei es hier bei uns in Deutschland oder sei es in Tansania oder sei es sonst wo auf dieser Welt.
Von beidem: von dieser Kraft der Liebe - und von ihrer Gefährdung - spricht der für heute vorgeschlagene Predigttext aus Epheser 5. Wir hören den Text auszugsweise nach der Übertragung der „Guten Nachricht":

1 Nehmt also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder! 2 Euer ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein. Denkt daran, wie Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben hat, als eine Opfergabe, an der Gott Gefallen hatte.
3 Weil ihr Gottes heiliges Volk seid, schickt es sich nicht, dass bei euch von Unzucht, Ausschweifung und Habgier auch nur gesprochen wird. 4 Es passt auch nicht zu euch, gemeine, dumme oder schlüpfrige Reden zu führen. Benutzt eure Zunge lieber, um Gott zu danken! 5 Ihr müsst wissen: Wer Unzucht treibt, ein ausschweifendes Leben führt oder von Habgier erfüllt ist - und Habgier ist eine Form von Götzendienst -, für den ist kein Platz in der neuen Welt, in der Christus zusammen mit Gott herrschen wird. ...
8 Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Lebt nun auch als Menschen des Lichts!

Drei Gedanken:

1. Von unserer Bestimmung
Paulus nennt die Gemeinde „heiliges Volk" und die Christen „Heilige". Heilige, das heißt soviel wie: „Herausgerufene". Herausgerufen sind sie aus dem alten Trott, aus alten Zielvorstellungen, alten Denkmustern - vor allem aber aus alten Bindungen. Herausgerufen und hereingerufen in ein neues Leben: in das neue Leben mit der Bindung an Jesus Christus, in ein neues Leben, das geprägt sein soll von der Liebe Gottes. Bindungen prägen! Wovon lassen Sie sich prägen?
Heilige" sein heißt aber nicht, der Welt den Rücken zuzukehren und sich aus allem Weltlichen rauszuziehen. Die „Heiligen Gottes" leben in der Welt und für die Welt. Das ist ihre Bestimmung. Im Text heißt es: „Nehmt also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder! Euer ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein." (V. 1-2a)
Vorbild und Maßstab ist also kein anderer als Jesus Christus selbst, der Mensch wurde in der Welt und unter den Menschen lebte. Wer ihm nachfolgt, der kann und darf sich nicht vor dieser Welt drücken. Es gilt, sich einzumischen und als Christ diese verändernde Liebe Gottes mitten in dieser oft heillosen Welt zu leben. Zeichen des Lebens sollen gelebt werden - und es soll sein wie eine ansteckende Gesundheit. Also Menschen nicht nur in die Gemeinde einladen, sondern zu den Menschen hingehen, wo sie leben.
Was sollen wir da? Über all das Schlechte meckern? Als Moralapostel hat man da keine Chance. Christen sollen keine notorischen Nörgler und Besserwisser sein. Am Vorbild Jesu kann man lernen: Wer sich einmischt, der tut das nie nur mit Worten, sondern der tut es immer auch mit dem Leben: mit Wort und Tat. Mit Worten und Taten, die Gottes Liebe und Gottes Licht widerspiegeln - und hoffentlich anstecken: zum Glauben und zu einem neuen Leben. Das ist unsere Bestimmung: Gelebtes Christsein mitten in der Welt. Aber diese Bestimmung ist oft gefährdet.

2. Von unserer Gefährdung
Unser Leben soll das Licht Gottes widerspiegeln in dieser Welt. Man könnte es so formulieren: Christen leben im und vom Licht und der Liebe Gottes. Und nun werden drei Lebensgebiete besonders angesprochen. Es sind die Lebensgebiete, in denen wir offensichtlich besonders gefährdet sind, unsere Bestimmung zu vergessen und nicht das zu leben, was dem Leben wirklich dient. Paulus benennt drei Gefährdungen, die nicht von außen kommen, sondern von innen. Drei sensible Bereiche unseres Lebens, die verantwortlich gelebt werden müssen, soll nicht unser Leben und unsere Bestimmung Schaden nehmen.
a) die Sexualität
„Weil ihr Gottes heiliges Volk seid, schickt es sich nicht, dass bei euch von Unzucht und Ausschweifung .... auch nur gesprochen wird."
Wenn von Kirche und Sexualität die Rede ist, dann ist der Vorwurf der Verklemmtheit in diesen Fragen, oder gar der Vorwurf der Verteufelung der Sexualität durch die Kirche nicht fern - und oft nicht zu Unrecht. Doch scheint mir wichtig zu sein, dass wir einen Unterschied machen zwischen dem Wort der Bibel zur Sexualität - und dem, was in der Kirche oft daraus gemacht wurde. Es gilt festzuhalten: Sexualität ist eine gute Gabe Gottes. Erotik ist Gottes Geschenk an uns Menschen - uns zur Freude. Und ich kenne kaum eine andere Literatur, die zugleich so schön und dabei unverklemmt über diese beiden Geschenke spricht, wie das Hohelied der Liebe im Alten Testament. Und es ist geradezu fatal, wenn die Sexualität verteufelt wird - aber noch fataler, wenn sie sich durch die Hintertür als Praxis sexuellen Missbrauchs heimlich einschleicht.
Unser Predigttext wendet sich nicht gegen eine verantwortlich gelebte Sexualität, die ihren Ort in einer festen und von Liebe und Treue geprägten Beziehung hat (im Neuen Testament ist das die Ehe), sondern gegen etwas ganz anderes: gegen Unzucht. (griechisch: porneia - wir hören unschwer das Wort "Porno" heraus). Das meint gewiss nicht nur bestimmte Internetseiten, das meint einen Umgang mit Sexualität, die sich als ausgelebte Lebensfreude darstellt und doch den Keim des Zerstörerischen in sich trägt - weil gelebt ohne Verantwortung und ohne Liebe und ohne die dazu gehörige treue Beziehung:

  • das meint die Sexualität, die nur auf das eigene Vergnügen aus ist;
  • das meint die zur - Schau - Stellung von Sexualität, die Begierde weckt.

Eine so gestaltete Sexualität ist alles andere als gesteigerte Form des Erotischen, sondern Gestalt seines Verfalls, seines Unvermögens, seiner Aushöhlung. „Porno" ist nicht Stärke, sondern Schwäche und Armut - und außerdem immer zynische Menschenverachtung. Schockie­rend, wenn so etwas in Räumen der Kirche geschieht - und bestimmt nicht nur in katholischen.
Dieses Sprechen über Sexualität will nicht als Moralpredigt verstanden werden, erst recht nicht als Verteidigung einer „(spieß-)bürgerlichen" Moral. (Von Moral halte ich eh nicht viel, wenn die Definition des Schweizer Theologen Emil Brunner zutrifft, der einmal gesagt hat, dass Moral - also das, was man tut oder man auch nicht tun darf - nur „Ersatz ist für verloren gegangene Verantwortung." )
Ich sehe in dieser verantwortlichen Einordnung von Sexualität und Erotik in die Liebe, die die Bibel agape nennt und die am Leben Jesu ablesbar ist - einen Maßstab Gottes, der zum Leben helfen will. - Zugegeben: Wer so denkt und lebt, der schwimmt gegen den Zeitgeist. Aber wie sagte doch mal jemand: „Wer mit der Zeit geht, der weiß noch lange nicht, wohin!"
b) das Reden
Der zweite Brennpunkt unseres Lebens: Unser Reden: „Es passt auch nicht zu euch, gemeine, dumme oder schlüpfrige Reden zu führen. Benutzt eure Zunge lieber, um Gott zu danken!"
Gemeint ist gewiss das gemeine, dumme und schlüpfrige Reden, die Zoten und schmutzigen Witze, mit denen Gottes gute Gaben in den Dreck gezogen werden. Das ist auch eine Art Porno, der nur faden Nachgeschmack hinterlässt. Da ist mir manche Büttenrede beim Karneval im Fernsehen in Erinnerung, nach meinem Geschmack einfach nur „zum Kotzen".
Gemeint ist aber wohl auch das leichtfertige Reden über Menschen. Gemeint sind die losen und lockeren Reden beim Kaffeeklatsch, an der Theke und wo auch immer.
Wieviel Reden geschieht gar nicht um einer Sache, sondern um meiner selbst willen. Mit coolen Sprüchen erheischt man Aufmerksamkeit, mit Klatsch und Tratsch macht man andere etwas niedriger - und sich selbst etwas höher. Man hat es wohl nötig. - Und merkt vielleicht gar nicht, wie unverantwortliches Reden manchmal mehr und nachhaltiger verletzt und schmerzt als ein gebrochenes Bein oder eine verstauchte Hand. Und: unverantwortliches Reden einmal in die Welt gesetzt ist so leicht nicht wieder einzufangen.
* Er ist wohl ein Kirchenvater der alten Kirche gewesen. Zu dem kam öfter eine Frau zur Beichte. Was sie zu beichten hatte, war immer das gleiche: Geklatscht und getratscht hatte sie - und die Wahrheit dabei auch nicht immer ganz genau genommen. Eines Tages war es der Kirchenvater leid. Er verhängte eine besondere Bußleistung: "Geh auf den Markt und kaufe ein geschlachtetes aber ungerupftes Huhn. Geh dann durch die Straßen der Stadt und rupfe es - und dann komm wieder zu mir!" - So tat es die Frau. Und als sie mit perfekt gerupftem Huhn wieder zu ihrem Beichtvater kam, sagte der: „So! Und nun sieh zu, dass du die Federn wieder eingesammelt kriegst!" -
Ich denke, wir haben verstanden: So geht es mit unserem Reden - einmal ausgesprochen, ist es kaum wieder einzufangen und fliegt durch die Lande - als Gerücht, als Lüge, als vermeintliche Wahrheit - und richtet manchen Schaden an, der nicht wieder gut zu machen ist.
Nein, wir sollen uns einmischen und die Klappe aufreißen, aber vor allem zu zwei Zwecken: Um Unrecht beim Namen zu nennen, auch wenn es mir keinen Beifall einbringt - und um Gott zu loben. Ja, wer so redet und handelt, der ist mit seinem Leben etwas zum Lob von Gottes Herrlichkeit.
c) der Besitz
Der Kernsatz lautet: „Habgier ist eine Form von Götzendienst" (V. 5) Das ist der dritte Brennpunkt unseres Lebens, wo uns Gottes Licht und Gottes Liebe eine Beziehung prägen will: im Verhältnis zu unserem Besitz.
Habsucht soll keinen Platz haben in unserem Leben. Habsucht, d.h. immer mehr haben wollen und sich durch das Anhäufen von Besitz das Leben versprechen. Oft ist das mit dem Selbstbetrug verbunden, der da heißt: „Wenn ich erst einmal habe, dann ..." Und er wird nie genug haben.
Und die Kehrseite der Medaille ist die: Er wird nicht abgeben, geschweige denn sich hingeben können. Habsucht und Hingabe schließen sich aus - es sei denn, man meint, irgend etwas für die Beruhigung seines Gewissens tun zu müssen.
So wie der „Pornomensch" im Grunde eine Elendsgestalt ist, so auch der Habgierige: Sein ständiges Beschäftigtsein mit Dingen, die man hat oder wenigstens haben sollte, und für deren Erwerb man sich oft die größten Opfer auferlegt, macht ihn in Wirklichkeit arm. Zum Geizigen gehört z.B. erfahrungsgemäß oft die Einsamkeit dazu. Und die Sehnsucht wächst: die Sehnsucht nach Freiheit. Es soll keine unerfüllte Sehnsucht bleiben:

3. Von unserer neuen Freiheit
Wie gewinnt man eine neue Freiheit in den Gefährdungen seines Lebens? Indem man den eigentlichen Reichtum erkennt, den Gott in mein Leben legen will. Leben steckt nicht in dem, was ich habe, sondern in dem, was ich bin: nämlich ein von Gott reich beschenkter Mensch. Beschenkt mit Liebe, beschenkt mit Wertschätzung, beschenkt mit Gaben, beschenkt mit einer Originalität. Da findet sich ein Reichtum, der die Grundmelodie meines Lebens ausmachen darf - und mir hilft, mit den Gütern der Welt in Freiheit und Verantwortung umzugehen.
Von dieser Freiheit ist indirekt die Rede, wenn es heißt: „Auch ihr gehörtet einst zur Finsternis, ja, ihr wart selbst Finsternis, aber jetzt seid ihr Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid. Lebt nun auch als Menschen des Lichts!"
Diese Freiheit kann man sich nicht anerziehen, diese Freiheit ist Gottes Geschenk. Es ist die große Freiheit, die aus der Gebundenheit an Gott kommt und die mich sagen und tun lässt, was dem Leben dient.
Ja, manchmal drohe ich diese Freiheit zu verlieren, manchmal habe ich sie wohl auch verloren, auch ich - aber nie endgültig: Gott lässt uns in seiner Treue nie los und setzt uns immer wieder neu auf einen guten Weg. Damit mein und dein Leben eine Segensspur hinterlässt.

Amen.

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