| Home| Kalender| Anfahrt| Kontakt| Impressum

Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?

02.03.2008

Römer 7,19

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Va­ters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigtthema: Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?

Predigttext: Römer 7,19
„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich."

Liebe Gemeinde!
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
Was ist das doch manchmal merkwürdig mit uns Menschen! Wir sind uns oft ein Rätsel und werden manchmal aus uns selber nicht schlau!
Da kann es passieren, dass man denkt: „Der eben seiner Mutter ein unfreundliches Wort an den Kopf geworfen hat - nur weil sie Käse statt Wurst aufs Schulbrot getan hatte! - Moment mal: War ich das eben wirklich? Das kann doch gar nicht sein! So einer oder so eine bist du doch nicht!" Du bist doch eher derjenige, der ihr gestern noch von ganzem Herzen gesagt hat, wie lieb er sie hat.
Und dann entdeckt man wieder einmal dieses Rätsel menschlichen Lebens: „Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?"

Für junge Menschen, gerade auch im Konfi-Alter, stellt sich die Fra­ge oft noch in einer anderen Variante, nämlich: „Wer und wie möchte ich gerne sein?" Diese Frage gehört zur menschlichen Entwicklung dazu. Und sie suchen dann nach Vorbildern oder Idolen. Sie lassen sich die Haare schneiden wie ihr Idol, sie warten ungeduldig darauf, dass sie 18 Jahre alt werden, damit die Eltern es nicht mehr verbieten können, wenn sie ein Piercing in der Nase tragen wollen. Sie wollen sein wie ihr Idol - sie versuchen es zu kopieren. Das gleiche Ausse­hen, die gleichen Manieren, die gleichen Sprüche, die gleichen Kla­motten. Aber bin ich das wirklich? Bin ich ich, wenn ich äußerlich ei­ne Kopie eines anderen Menschen bin? Wer bin ich denn wirklich? Wann bin ich wirklich ich?

Zwei von Euch hatten den Wunsch, bei dieser Predigt mitzuwirken - Christine Eckhoff und Sabrina Elsen. Sie wollen diesen Einstieg durch zwei Beispiele ergänzen und konkretisieren:


Christina Eckhoff:
Eigentlich bin ich eine richtig zuverlässige Freundin. Auf mich kann man sich echt verlassen - denke ich. So bin ich! Aber manchmal frage ich mich: Bin ich wirklich so? - Als ich neulich in einer Clique stand, die über meine Freundin lästerte, da habe ich nicht nur geschwiegen, erst recht nicht widersprochen - sondern sogar mitgemacht. Ich fand das in dem Augenblick irgendwie cool. - Aber hinterher fühlte ich mich irgendwie wie ein Judas, der seinen Herrn verraten hatte. Und ich war auch irgendwie verzweifelt. Und ich fragte mich: „Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?"

Sabrina Elsen:
Ich kenne jemanden, der ist ein völlig anderer Mensch, je nachdem wo er gerade ist:

  • Bei seiner Oma ist er das bravste und wohlerzogenste Enkelkind, das man sich vorstellen kann.
  • Im Bus auf der Fahrt zur Schule pöbelt er mit seiner Clique die Leute an - und verbreitet Angst und Schrecken.
  • Und wenn man ihn mal alleine trifft und sich mit ihm unterhält, dann kann der richtig nett sein.

Und ich frage mich: „Mal ist er so! Mal ist er so! Wer ist er wirk­lich?"

Fast alle Menschen machen in ihrer Lebensgeschichte diese schmerz­volle Erfahrung, die einen fragen lässt, wer ich denn wirklich bin. Be­sonders dann bricht diese Frage auf, wenn mir nämlich bewusst wird, dass mein „Ich" nicht immer nur strahlend hell ist, sondern auch Schattenseiten enthält - also Züge hat, die ich an mir nicht leiden kann. Menschliche Schwächen, die immer wieder sichtbar werden. Dass ich Dinge tu, die ich eigentlich nicht tun will. Und auch da stellt sich die Frage oft als verzweifelte Frage: „Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?"

Es gibt einen bekannten Menschen in der Bibel, der berichtet genau von diesem Zwiespalt, den er auch an sich entdeckt hat und unter dem er leidet. Dieser Mensch ist kein geringerer als der Apostel Paulus: In Römer 7,19 bringt er die Sache auf den Punkt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." Nein, er hat nicht nur Böses getan, aber wusste auch um die dunklen Seiten seines Lebens. „Mal bin ich so! Mal bin ich so! Aber: Wer bin ich wirklich?" Wer ist der echte Paulus:

  • Der Paulus, der das Gute will?
  • Der Paulus, der das Schlechte tut?

Im Konfirmanden-Unterricht haben wir gelernt, dass wir mit unseren Fragen zu Gott gehen können - und er uns sagt, was wir uns selber nicht sagen können. Was antwortet er uns auf die Frage, wer wir wirk­lich sind? Gott sagt:

1. Wer wissen will, wer er wirklich ist, der muss in den Spiegel gucken
Für manche Dinge, die man an sich entdecken will, braucht man einen Spiegel. Ohne Spiegel kann ich z.B. nicht sehen, ob meine Haare in Ordnung sind oder welche Farbe meine Augen haben.
Wer wissen will, wer er wirklich ist - und dabei nicht nur das Äußere meint, der muss in einen anderen Spiegel gucken: Die Bibel ist wie ein Spiegel. Da hält mir Gott den Spiegel vor, in dem ich mich erken­nen kann. Was erfahre ich, wenn ich in diesen Spiegel gucke, über mich?

  • Und da darf ich zuallererst hören und sehen, dass ich kein Zufall bin. Dass Gott mich und dich gewollt und gemacht hat. Das bist Du auf jeden Fall: Kein Zufall, sondern ein Mensch aus Gottes Hand.
  • Und dann darf ich hören und sehen, wer ich noch bin: Nicht ein­fach nur von Gott gemacht, und dann in dieser Welt ausgesetzt - sondern einer, mit dem Gott Kontakt haben will. Warum? Weil er mich und dich liebt!
  • Und dann darf ich hören und sehen, dass es den Menschen zum Menschen macht, dass er Ebenbild Gottes ist - einer, der in Verant­wortung vor Gott lebt und verantwortlich mit dieser Welt umgeht. Da werde ich und wirst Du gebraucht! Deshalb sollen wir mit Gott reden und Gemeinschaft mit ihm haben. Er ist jemand, der mir und dir sagen will, wie unser Leben gelingen kann - weil er uns liebt.
  • Und dann darf er hören, dass er einmalig ist. Eine einzigartige Idee Gottes, die Gestalt gewonnen hat. So einen wie dich hat er nur ein einziges Mal gemacht. Vorher nicht - und hinterher auch nicht mehr.

Deshalb ist es wichtig, dass wir auf unserer Suche nach dem Ich das Wort hören, das wir uns selbst nicht sagen können, das Wort, das Gott uns sagt. Und der sagt mir: Du bist ein Original. Dich gibt's nur einmal auf der Welt. Du bist Du! Du hast Gaben, aber du hast auch Grenzen. Entdecke deine Gaben. Entdecke deine Grenzen. Aber genau darin bist Du einmalig.
Auf die Frage, wer du wirklich bist, darfst du erst einmal festhalten: Auf jeden Fall von Gott gewollt, von Gott geliebt und auch von Gott gebraucht.

Aber dann sagst Du mit Recht: Aber das geht doch alles nicht so ganz glatt. Erinnere Dich an das, was Christine und Sabrina gesagt haben - und was auch die Erfahrung des Apostels Paulus ist. Ich muss doch immer wieder entdecken, dass es in mir oft diese zwei Seiten gibt. Aber wer ist das eigentliche „Ich" in mir? Es stimmt doch: „Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich denn nun wirklich?"

2. Wer in den Spiegel Gottes sieht, der entdeckt: Wir sind Men­schen, die einen Zwiespalt in sich tragen
Die Erfahrung des Apostel Paulus spiegelt die Wirklichkeit unseres Lebens. Paulus wusste, dass er Gottes Geschöpf ist. Paulus wusste, dass er ein Original Gottes ist. Aber er wusste auch darum,

  • dass es zur Wirklichkeit eines Menschen auch gehört, dass er ver­suchlich ist. Dass es eine Macht gibt (er nennt sie die Macht der Sünde = die Macht des Misstrauens gegen Gott), die einen oft so handeln lässt, als ob man Gott nicht kennt.
  • dass es zur Wirklichkeit eines Menschen auch gehört, dass er nicht nur seine Stärken hat, sondern auch seine Schwächen und seine Schattenseiten. Von Gott her sollen wir Men­schen sein, die so leben, wie Gott will. Und ich möchte das von ganzem Herzen. Aber ich erfahre immer wieder diese Niederlagen, die mich dann ärgern.

Ja, es stimmt: Ich bin mal dieser und mal jener. Mal bin ich freundlich und hilfsbereit zu den Menschen - und manchmal unfreundlich. Mal bin ich feinfühlig und manchmal, warum auch immer, völlig unsensi­bel. Und beides bin wirklich ich! Aber es ist nicht beides gleich gut für mein Leben. Da ist die eine Wirklichkeit, die zum Leben hilft. Da gibt es die andere Wirklichkeit, die Leben zerstört:

  • Die Feigheit, die die Freundschaft zerstört.
  • Die Lüge, die das Vertrauen zerstört.

Ja, da entdecke ich die beiden Seiten in mir - auch heute noch. Paulus hat recht: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Bö­se, das ich nicht will, das tue ich."
Was ist zu tun? Zunächst dies: Ehrlich sein gegen sich selbst: Ja, es gibt diese rätselhaften Schattenseiten meines Lebens. Und dann mit ihnen zu Jesus kommen. Er will mir helfen, mitten in dieser Zer­rissenheit geheilt zu werden. Seine Hände halten in mich in meiner Zerrissenheit und heilen mich. Er will mir dabei helfen, immer mehr der zu werden, der ich sein soll: Ein Mensch, der in Verantwortung vor Gott lebt. Ein Mensch, der Gottes Wesen in sich trägt. Aber das ist ein Lern- und Lebensprozess. Und es ist nicht auszuschließen, dass wir diese beiden Seiten in uns tragen - unser Leben lang.

3. Wer in den Spiegel Gottes guckt, der entdeckt: Wir sind Menschen, die von Gott geliebt und angenommen sind - brutto
„Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?" - Und: wen von beiden liebt Gott? Gott liebt den ganzen Menschen! Er liebt ihn brutto! Er liebt ihn auch als den, der immer wieder Dinge falsch macht in seinem Leben. In der Theologie heißt das: Gott liebt den Sünder - aber nicht die Sünde. Paulus muss nicht verzweifeln, wenn er den anderen Paulus in sich entdeckt. Er weiß: Gerade für den Sünder Paulus ist Jesus ja gestorben. Auch dieser Teil meines Lebens kann mich nicht von Gott trennen.

„Mal bin ich so! Mal bin ich so! Wer bin ich wirklich?" Wer bin ich wirklich? Es gibt ein eindrückliches Zeugnis eines bekannten Chris­ten, der diesen Zwiespalt in sich entdeckt hat: Dietrich Bonhoeffer. Er hat ihn in einem wunderschönen Gedicht beschrieben. Wir haben ja im Konfi einen Film über ihn gesehen - und da kam ein Teil dieses Gedichts vor. Er hat es geschrieben, als er im Gestapo-Gefängnis in Berlin-Tegel saß. Und auch er weiß nicht, wer er wirklich ist.:

"Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich?
Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?
Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!"

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Nein, manchmal weiß man wirklich nicht, wer man ist. Welche Seite in einem das Sagen hat! Aber das sind wir wirklich: Menschen, die Gott gehören und die an seiner Hand immer mehr dahin kommen, dem Bild zu entsprechen, das Gott von ihnen hat: Menschen, die er segnen will - und die ein Segen sind für die Menschen.

Mitnehmen

  • Hauptgottesdienst
  • Hans Wilhelm Ermen