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Mein Leben - Hilfe! Ich hab nur eins!

14.03.2010

Johannes 6,35

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Predigttext: Johannes 6,35

Liebe Gemeinde!
Ich möchte von Anna-Lena erzählen. Ich habe die Geschichte erfunden - und hab' sie doch schon oft erlebt. Nur eben nicht mit Anna-Lena.
Es ist Mittwoch. Das Wochenende droht allmählich. Und Anna-Lena muss sich ein paar Fragen stellen.
„Anna-Lena, kommst Du am Samstag mit ins Kino?" - Eigentlich eine gute Idee. Aber ich weiß noch nicht! Mal sehen!
„Anna-Lena, ich lade dich ein zu meiner Fete am Samstag. Kommst Du?" - Vielen Dank, tolle Idee! Könnte sein, dass ich komme!
„Anna-Lena, am Wochenende ist Mitarbeiterfreizeit? Du kommst doch sicher mit?" - Ich werde es mir echt überlegen, bis wann muss ich mich denn anmelden?
"Anna-Lena, hast Du denn am Wochenende schon etwas vor?" - Nein, bis jetzt noch nicht! Ich kann mich noch nicht wirklich entscheiden!

Wer ist Anna-Lena? Anna-Lena ist ein Kind ihrer und unserer Zeit, einer Zeit, der man einen Namen gegeben hat: „Postmoderne". Viele solche Anna-Lenas leben unter uns - und sie sind beileibe nicht nur im Teenageralter. Ihr Kennzeichen ist:

  • eine Lebenshaltung, die dazu tendiert, sich möglichst lange alle Optionen, alle sich bietenden Möglichkeiten offenzuhalten. Man fühlt sich umso freier, je mehr Auswahl man hat.
  • ein Lebensgefühl der Angst davor, sich zu schnell auf etwas (vielleicht auch auf jemanden) festzulegen. Wer sich zu schnell festlegt, könnte ja ein besseres Angebot verpassen.
  • eine Lebensgestaltung, die viele Dinge parallel ins Leben packt: Man unterhält sich mit jemandem - und hat gleichzeitig einen Knopf im Ohr und zieht sich gerade Musik rein.
  • eine Lebensgestaltung, die möglichst alles mitnehmen möchte. Und so wird Anna-Lena wahrscheinlich mit auf die Mitarbeiterfreizeit fahren und (immerhin) fragen, ob sie nicht am Samstag nach dem Abendessen mit der Freundin ins Kino gehen und hinterher noch auf die Fete kann - um dann zur Freizeit zurück zu fahren, um noch ein bisschen mit den Leuten abzuhängen.

Und damit sind wir beim Thema, das sich die diesjährigen Konfirmandinnen und Konfirmanden ausgesucht haben:

„Mein Leben - Hilfe, ich hab nur eins!"

In diesem Thema steckt das Wort „Hilfe". Es ist durchaus ernst gemeint. Es wird eine echte Not benannt, etwas, was nach Hilfe schreien lässt: Es ist die Not der Angst, das Leben oder etwas im Leben zu verpassen, wo andere sagen: Ohne diese Erfahrung, lieber Freund, hast Du nicht gelebt. Wer bist Du schon: ohne Handy, ohne ICQ, ohne die Möglichkeit, während der Hausaufgaben gleichzeitig zu chatten - um nur mal die kleinen Alltagsdinge anzusprechen. Alles soll rein in mein zeitlich begrenztes Leben - und ich entdecke: Es ist dafür viel zu klein und kurz. „Mein Leben - Hilfe, ich hab nur eins!"

Aber eins steht noch gar nicht fest, ob ein solches angefülltes Leben auch wirklich erfülltes Leben ist. Ob der, der sich alles mögliche reinzieht, davon wirklich satt wird.
So steht hinter diesem Thema zutiefst eine Sehnsucht: die Sehnsucht, der Hunger und der Durst nach gelingendem und gelungenem Leben. Nach einem Leben, das am Ende sagen kann: Da war wirklich Leben drin. Und die Frage stellt sich: Gibt es Leben, das wirklich satt macht - und das man nicht irgendwann einmal zutiefst satt hat?

Wer nach so einem Leben sucht, den lässt ein Wort Jesu aufhorchen. Jesus Christus verspricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten." (Joh 6,35)

„Sollte es tatsächlich etwas geben, was mich satt macht?" - Ich könnte mir vorstellen, dass jemand sagt: Bevor ich mich näher darauf einlasse, möchte ich drei Dinge wissen:

1. Wer ist das, der das behauptet?
2. Was ist das, was er anbietet?
3. Wo finde ich das, was ich zutiefst suche?

Diesen drei Fragen möchte ich jetzt nachgehen.


1. Es gibt etwas, was dich satt macht - wer behauptet das?
Hier sagt einer „Ich!". Ich habe etwas im Angebot, was dich satt macht. Nein, nicht ich als Pastor! Auch nicht die Kirche! Die Kirche selber hat gar keine Antworten aus sich selbst. Dann müsste ein Gottesdienst beginnen: "Im Namen der Kirche". Er beginnt aber: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Sie hat keine eigene Antwort, aber sie hat eine Botschaft.
„Ich bin das Brot des Lebens!" - diese Behauptung kommt aus dem Mund Jesu, des Sohnes Gottes. Das heißt im Klartext: da hören wir nicht eine Meinung unter vielen, sondern da hören wir den Anspruch und das Versprechen Gottes. Da redet kein Marketingexperte, der uns etwas andrehen will. Da redet der Erfinder des Lebens. Da spricht der Schöpfer unseres Lebens. Und er redet zu uns durch Jesus, dessen Leben nur ein einziges Ziel hatte: dass wir ein Leben leben, in dem wirklich Leben ist. Die Bibel nennt das übrigens „Ewiges Leben". Ein verdächtiger Begriff. Riecht der nicht nach Vertröstung? Nein, das ist keine Vertröstung! Das meint nicht (mindestens nicht nur) Leben nach dem Tod, sondern meint ewig gültiges und sinnvolles Leben schon hier und jetzt. Leben, das einmal vor Gott nicht als „zu leicht" befunden wird, obwohl vielleicht viel drin war: viel „action", aber kein Leben.
Mit dieser Einladung stößt Jesus auf Skepsis. Auch unter uns. Und nun wirbt Jesus um uns, damit wir unser elendes Misstrauen gegen Gott unseren Schöpfer aufgeben. Dass wir aufhören, in Gott einen Miesmacher des Lebens zu sehen. Dass wir entdecken, dass Gott ein Gott der Liebe und ein Freund der Menschen und unseres Lebens ist. Dass wir Vertrauen fassen, dass Gott unseren Lebenshunger stillt - dass wir satt werden, wirklich satt.
Es gibt etwas, das dich satt macht, was deinen Lebenshunger und deinen Lebensdurst stillt. Das sagt der,

  • der darum weiß, wieviel wir schon in uns reingezogen haben, was nur schalen Nachgeschmack verursacht hat.
  • der weiß, in wieviel verlockende Fallen wir geraten sind - und die Seele blieb leer und der Hunger wurde nicht gestillt.

Gott kennt seine Menschen - und Jesus weiß wovon er hier redet.

 

2. Es gibt etwas, was dich satt macht - aber was ist das?
Jetzt geht es um die berühmte Aufforderung „Butter bei die Fische". Wie soll denn das Leben aussehen, das satt macht? Was hat dein Gott zu bieten? Was ist das und wie schmeckt das denn?

*Lebertran in Mengen kann sicher auch satt machen - aber dieser Geschmack? - Nein danke! Ist das, was Gott zu bieten hat wie Lebertran? (Kennt Ihr Konfirmanden eigentlich noch Lebertran? - Ich habe das als Kind geniessen dürfen. Statt Nutella. Das sollte gesund sein - und schmeckte wie ein Brechmittel. Darauf konnte ich gerne verzichten.)
Was hat Gott also zu bieten? Welche Vorstellung hat Gott von einem Leben, das satt macht, das Erfüllung schenkt?

Zuerst räumt er mit einem großen Irrtum unseres Lebens auf, mit dem Irrtum, dass es ein Leben satt macht, wenn einer alles hat.

*Mir steht ein junger Mensch vor Augen, der sich alles leisten kann. Er braucht nur den Mund auf tun und schon wird ihm der Wunsch erfüllt. Er hat alles, aber in ihm weint es vor lauter Zerbrochenheit und Mangel an Liebe. Natürlich braucht ein Mensch zum Sattwerden auch Brot. Damit stillt man den Hunger des Magens. Aber was stillt den Hunger der Seele? Um es klar zusagen: Nicht das, was ich habe, was ich erlebe - sondern das, was ich bin.

  • Wenn einer sagt: „Du, ich mag dich!"
  • Wenn einer sagt: „Du, ich lieb dich!"
  • Wenn einer sagt: „Du, ich brauch dich!"

Also die Erfahrung einer unbedingten Wertschätzung.

*Wir kennen das ja aus dem Leben, dass sich Menschen diese Wertschätzung erkaufen wollen: Kinder von Gleichaltrigen mit Süßigkeiten und Erwachsene von Kindern mit tollen Geschenken. Und der Frust sitzt tief, weil das irgendwie nicht klappt. So lässt sich der Hunger nicht stillen. Und es schreit in einem Menschen: Warum werde ich nicht satt? Wie werde ich endlich satt?

„Ich mag dich, ich lieb dich, ich brauch dich!" - das muss mir zugesprochen werden von einer Person, die das ehrlich und vorbehaltlos und aus tiefer Liebe heraus meint. Davon wird ein Mensch satt. Und die Person, die das so ehrlich und vorbehaltlos und aus einer so tiefen Liebe heraus sagt wie keine zweite, das ist Gott. Das ist die Botschaft, die er uns durch Jesus sagen lässt:
Bei Gott wird mein und dein Lebenshunger gestillt:

  • Du bist ein „Du", das sich seinen Wert nicht erst verdienen und beweisen muss. Dieser Jesus nimmt mich im Namen Gottes an ohne Vorbehalt. Er sieht in mir sein geschaffenes Original, das sich nicht erst produzieren muss oder verbiegen muss, um wahrgenommen zu werden oder geliebt zu sein. Gerade in meiner Originalität bin ich von Gott geliebt und für ihn unersetzlich. Ich darf leben, was und wer ich bin. Leben heißt: „Ja" sagen können zu sich selbst, weil einer schon längst „Ja" gesagt hat. Hier wird der Hunger nach Anerkennung gestillt.
  • Ich gebe dir die Antwort, die du dir nicht selber sagen kannst, nämlich: wer du bist und immer noch bist, wenn dich die Stürme des Lebens durchschütteln: Immer noch ein Mensch in meiner, Gottes Hand, der das letzte Wort hat über dich. - Sattes Leben heißt: Mit diesem Urvertrauen leben, dass Gott mich auch durch alle dunklen Täler durchtragen wird. Bei Jesus wird die Sehnsucht nach einem festen Grund gestillt.
  • Ich schenke dir ein Leben, bei dem Langeweile ein Fremdwort ist. Keine Bange: Ich gebe dir durchaus grünes Licht zum Genießen des Lebens. (Rotes Licht nur dann, wenn ein Genuss dir oder anderen schadet. Du sollst nicht auf Kosten anderer leben.) Und ich gebe dir Wegweisung zum Leben: Wo ich dich z.B. brauche, damit Leben ins Leben, nicht nur in dein eigenes, sondern erst recht in anderes Leben kommt. Wer das lebt, der erlebt auch Abenteuer. Nichts ist spannender, als Gottes Willen in dieser Welt zu leben.

Und vielleicht ist das der Knackpunkt unseres Hungers nach Leben schlechthin, den es zu entdecken gilt: Dass wir entdecken, dass das Leben, in dem man nicht satt wurde, wahrscheinlich immer nur um sich selbst gekreist hatte: Ich wollte etwas gelten, ich wollte besitzen, ich wollte glücklich sein, ich wollte alles mitnehmen, was das Leben so bietet. Ich, ich, ich. - Und Gott befreit zu der Sichtweise, dass man im Geben glücklicher sein kann als im Nehmen. Das ist Leben, das satt macht, wenn ich es mit anderen leben und teilen kann.


3. Es gibt etwas, was dich satt macht - wo finde ich das?
Ja, ich möchte ein Leben, in dem mein Lebenshunger gestillt wird. Aber wie gewinne ich Zugang dazu? Vielleicht ist manch einem diese Welt des Glaubens so unbekannt oder so fremd, dass er nun ratlos ist.
Jesus nennt den Schlüssel zu einem solchen Leben: "Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.". Christlicher Glaube ist keine neue Lebensphilosophie, die entdeckt hat, dass es mehr auf das „Sein" als auf das „Haben" ankommt, sondern er ist die Einladung zu einer neuen Lebensweise. Es ist die Einladung zum Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Ich bin das Brot des Lebens. Brot isst man, nimmt es in sich auf, lebt davon. Das Leben, das satt macht, heißt: Christus in sich aufnehmen. Ihm Raum geben, das Leben zu gestalten. Das hat dann viele Konkretionen:

  • Nicht die Zerstreuung, sondern die Begegnung suchen. Knopf aus dem Ohr raus und stille werden - und die Stille ertragen. Um dann die Stimme zu hören, die uns nicht zudröhnen will, sondern leise zu uns kommt: durch sein Wort.
  • Und wenn man um diese Stimme und Gottes hörendes Ohr weiß: Ihm sein Herz ausschütten, woran man zu tragen und womit man Kummer hat.
  • Sich immer wieder seiner Liebe vergewissern lassen, wenn man Selbstzweifel hat.
  • Sich vergeben und korrigieren lassen, wenn man sich verrannt hat.
  • Sich die Aufgabe zeigen lassen, wo man Gott und dieser Welt dienen kann mit seinen Gaben.
  • Sich in die Gemeinschaft der Menschen einbringen, die miteinander auf dem Weg der Nachfolge sind - denn allein geht man ein.

Und dann lebt ein Tag und ein Leben nicht mehr von dem Vielen, was man mitgenommen hat, sondern von dem Einen, was wirklich sinnvoll ist und satt macht: Erfüllte Zeit durch die Nähe Jesu, die jeden Augenblick zu einem Geschenk macht.

Ob Anna-Lena nach dieser Predigt weiß, was sie machen wird? Wahrscheinlich nicht. Sie ist ein Kind ihrer Zeit. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es den Punkt gibt, wo sie erkennt: Leben lebt nicht vom Vielen, was doch nicht satt macht. Dass sie sich erinnert - oder es ihr jemand wieder in Erinnerung ruft, dass einer versprochen hat: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Und dass sie den Mut hat, dieser Stimme zu vertrauen. Und wenn einer schon heute an diesem Punkt angekommen ist, dann sollte er nicht bis morgen warten.

Amen.

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