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Osterkonsequenzen

24.03.2008

Matthäus 28,16-20

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Va­ters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigttext: Matthäus 28,16-20

Liebe Gemeinde!
Ostern ist das Ereignis, das allem christlichen Glauben den tragenden Grund gibt: Ohne Ostern, ohne die Auferstehung Jesu, so hat es der Apostel Paulus einmal drastisch formuliert, können wir mit unserem christlichen Glauben auf der Stelle „einpacken": „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich." (1. Kor. 15,14) - Ohne Ostern kein Glaube, ohne Ostern keine Hoffnung - weder im Leben noch im Sterben. - Es muss deutlich gesagt werden: Ostern will nicht „an sich" als eine „religiöse Tatsache" geglaubt werden, sondern soll als bedeutsam erfahren wer­den „für mich" und für mein Leben. Aus Ostern sollen Osterkonse­quenzen erwachsen - für den Glauben und das Leben. Um solche Osterkonsequenzen geht es im heutigen Predigttext. Er steht in Matthäus 28,16-20:

16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wo­hin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 20 und lehret sie halten al­les, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch al­le Tage bis an der Welt Ende.

Das sind die Worte Jesu, die er seinen Jüngern mit gibt für ihren Weg durch die Zeit. Um dieses Unterwegssein durch die Zeit etwas plasti­scher zu machen, bediene ich mich eines Bildes, das in der Kirchenge­schichte oft für die Kirche gebraucht wurde: das Bild des Schiffes. Wir kennen es auch aus dem Lied: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt". Und auch im Blick auf das eigene Leben spricht man zuweilen von seinem persönlichen „Lebensschiff". Dieses Bild macht deutlich, dass der Osterglaube gerade für ein Leben gedacht ist, das nur selten glatt geht, sondern um den ein oder anderen Sturm im Leben weiß. Dazu habe ich zur Veranschaulichung ein wirkliches Bild mitge­bracht. Es ist sehr alt, etwa 1000 Jahre, und stammt aus einem Evange­liar, das eine Äbtissin mit Namen Hitda für ihr Kloster in Meschede anfertigen ließ und deshalb „Hitda - Codex" heißt.

 

 

 

 

Menschen und Gemeinden unterwegs mit ihrem Lebensschiff, denen die Osterbotschaft des Auferstandenen gilt. Was entdecken wir?


1. Den Osterzweifel
Wo Ostern gepredigt wird, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, da stößt diese Botschaft auf Skepsis und Zweifel. Von Anfang an. In unserem Predigttext heißt es: „Aber die elf Jünger gingen nach Gali­läa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten." (V. 16f)
Der Zweifel ist mit unterwegs im Schiff der Kirche. Der Zweifel ist mit an Bord unseres eigenen Lebensschiffes.
Er ist da in Form des intellektuellen Zweifels: Ein Toter soll wieder lebendig sein!? Das spricht gegen alle menschliche Erfahrung. Tot ist tot! Oder ist er nur scheintot gewesen? - Und wir entdecken: diese Spur des Zweifels ist nicht erst der Zweifel des aufgeklärten Men­schen, sie reicht zurück bis in dieses allererste „Schiff, das sich Ge­meinde nennt", wenn es heißt: „einige aber zweifelten."
Dieser Zweifel meldet sich oft noch in einer zweiten Gestalt, in der Gestalt des existentiellen Zweifels: Es ist der Zweifel, der nicht zu­sammen kriegt, was gepredigt wird: die Liebe Gottes einerseits und die Erfahrung der Stürme des Lebens - und manches gekenterte Le­bensschiff andererseits. Der Zuspruch der Gegenwart Jesu einerseits - und der Eindruck, dass er unsere Not verschläft.

Wer eben beim Verlesen des Predigttextes genau hingehört hat, der hat gehört, dass von elf Jüngern die Rede war. Auf diesem Bild sind es noch zwölf. Einer ist bereits vor 40 Tagen ausgestiegen noch vor dem Ostermorgen: Judas, der Jesus verriet. Der wohl, so nehmen es viele Ausleger an, Jesus zwingen wollte, endlich aktiv zu werden und das Land Israel zu erlösen. Und darunter verstand er die Befreiung von den Römern. Judas war schon vorher aus diesem Boot der Ge­meinschaft der Glaubenden ausgestiegen - wegen enttäuschter Hoff­nungen. Ja, letztendlich wohl wegen eines Bildes von Jesus, das falsch, weil zu irdisch und zu weltlich „gestrickt" war. - Und man­cher, der bis heute aus diesem „Glaubensschiff" aussteigt, steigt des­halb aus, weil er falsche Erwartungen hatte: an die Allmacht Gottes oder an die Tragkraft seines Glaubens. Da war Sturm nicht vorgese­hen - und Seenot schon gar nicht.

Und auch die Zeitgenossen will ich nicht unerwähnt lassen, die aus diesem Schiff Kirche ausgestiegen sind, weil einer zum Kassieren kam: dafür, dass man in diesem Schiff mit Namen Kirche sitzen woll­te. Kirchensteuer. Und für sie hat der Zweifel an den Nutzen bei der Kosten - Nutzen - Rechnung den Ausschlag gegeben fürs Aussteigen. Kann man das Geld nicht sinnvoller ausgeben? Kann man nicht auch ohne Kirche glauben? Mag sein! Aber was ist das für ein Glaube? - Aber es ist auch eine Frage an uns, die Kirche: Wie ist sie erfahren worden: als bürokratische Institution, als Ort der Langeweile oder gar als Ort der Beklemmung - oder als lebendige und tragfähige Ge­meinschaft? So sollte es eigentlich sein. Und damit allemal lohnend.

Zurück zu unserem Predigttext: Hier in unserem Predigttext trifft Je­sus auch auf Zweifler. Nicht auf irgendwen, sondern auf seine alten Freunde - und manch einem seiner Jünger ist der Glaube ins Wanken geraten - oder gar schon abhanden gekommen. - Zeit für eine Stand­pauke? Zeit für ein ausdrucksstarkes Beleidigtsein? - So entsteht wohl kein fröhlicher Osterglaube. Jesus wirkt anders. Wir entdecken:

2. Die Osterverheißung
Diese Verheißungen machen nur Sinn, sind keine leeren Versprechun­gen, wenn sie einen tragfähigen Grund haben. Sie machen nur Sinn als Osterverheißungen, wenn sie geerdet sind in der Auferstehung Jesu von den Toten. Was Jesus seinen Jüngern mitgibt, ist keine christliche Idee, sondern ist er selbst: Eine doppelte Verheißung begegnet uns hier: „Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Ge­walt im Himmel und auf Erden. ... Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (V. 18 + 20b)
Jesus redet mit seinen Jüngern. Und diese Worte haben es in sich. Ha­ben eine merkwürdige Überzeugungskraft ganz anderer Art - einer Art, die von Gott kommt. Bis heute ist es so, dass es Skeptikern und Zweiflern so geht, dass ihre Fragen beantwortet und ihre Skepsis geheilt werden, weil sie plötzlich von diesen Worten so angesprochen werden und sich getroffen wissen, weil sie dahinter Christus selber erkennen. Keine Stimme aus einer alten Zeit, sondern lebendige Gegenwart.
Der auferstandene Jesus Christus begegnet seinen Jüngern nicht mit Vorwürfen, sondern mit Verheißungen für ihr Lebensschiff und auch das „Schiff, das sich Gemeinde nennt":

  • „ ... siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Die Osterverheißung heißt: „Der Auferstandene ist an Bord." Die Osterverheißung heißt nicht: „Von nun an wird das Leben gemüt­lich!" Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass der Auferstandene, der Feind aller Todesmächte, auch den Kurs des Bootes bestimmen will und bestimmt - lässt das Boot in manche Stürme hineingera­ten: in den Sturm der Auseinandersetzung mit der Ungerechtigkeit. In den Sturm des Gegenwindes bei Zivilcourage. Da gehen die Wellen oft hoch. Da brechen andere Kräfte über einen herein. Da schreit man: „Hilfe!" - Und hört die Osterverheißung: Du bist nicht allein! „ ... siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." - Aber wie soll das enden? Da hören wir auf die zweite Verhei­ßung:
  • „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden." - Die Osterverheißung verspricht, dass der Auferstandene von Ostern das letzte Wort hat und haben wird. Wie damals, als das Schiff mit sei­nen Jüngern zu sinken drohte, als er in den Sturm schrie: „Ruhe!" - und der Wind sich legte - so wird nach „Sturmessausen und Mee­resbrausen" Friede einkehren.
  • Und seine letzte Zuspitzung hat diese Osterverheißung in der Macht Gottes über den Tod. Wir haben ja in unserem Leben auch von manchem Abschied nehmen müssen, der in diesem Schiff der Gemeinde Jesu mit unterwegs war. Ich erinnere mich da auch an den Großvater von Lorenz, Heinrich Buchmüller, den wir vor fast 2 Jahren beerdigt haben - und an viele andere mehr. - Ihnen gilt die Osterverheißung, dass die Auferstehung Jesu der Grund für unsere Hoffnung ist, dass wir keine Kandidaten des Todes, sondern des Lebens sind. Die Fahrt unseres Lebensschiffes geht zu neuen Ufern: zu den Ufern der Ewigkeit Gottes.

Verheißungen sind die Antwort auf die Zweifel. Und im Wagnis des Glaubens, das diesen Verheißungen vertraut, erfahren die Jünger Jesu: Es stimmt! Wir sind nicht allein! Er schenkt uns die Gewissheit seiner Nähe, seiner Kraft und Hilfe - durch alle Zweifel hindurch - immer wieder neu. Unser Lebensschiff wird gehalten. Das führt zum dritten Aspekt der Osterbotschaft Jesu an seine Jünger. Wir entdecken:


3. Den Osterauftrag
In die Verheißung eingebettet ist ein Osterauftrag: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Va­ters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten al­les, was ich euch befohlen habe." (V. 19-20a)
Wenn man genau hinsieht, dann entdeckt man einen dreifachen Auf­trag. Es ist der Auftrag, dass das Osterleben im Leben der Menschen Wirklichkeit wird. - In der Christenheit wird vielfach darüber gestrit­ten, ob in der wörtlichen Reihenfolge dieses Auftrags auch eine chro­nologische Reihenfolge steckt - also immer schön eins nach dem an­deren. - Man muss es nicht so sehen. Aber man muss es so sehen, dass alle drei Aspekte wichtig sind - für unser persönliches Lebensschiff - und das Schiff der Gemeinde Jesu Christi. Ich möchte es einmal am Beispiel der heutigen Kindtaufe verdeutlichen:

  • Wir haben Lorenz und Levin im Namen des dreieinigen Gottes ge­tauft. Ihr Name ist mit Gottes Namen zusammen gesprochen wor­den. Gott kennt sie mit Namen. Und Gott hat ihnen in der Taufe mit Brief und Siegel sein „großes Ja" gesagt. Sie sind damit Glied der Gemeinde geworden, sind an Bord genommen worden des Schiffes der Gemeinde Jesu. Was machen sie dort? Was sollen sie dort erfahren?
  • Sie sollen dort eine Erfahrung machen, die nur in der konkreten Begegnung mit Gemeinde möglich ist: Was nämlich diese Mann­schaft an Bord glaubt: worauf sie vertraut - nämlich auf den, der da unsichtbar mit an Bord ist - und mit dem diese Leute offensichtlich reden (das nennt man beten) - und zu wem sie im Sturm rufen. Sie sollen dieses Vertrauen spüren - und die Kraft und den Frieden, die davon ausgehen. Und sie werden (hoffentlich) den Kindern das er­klären, was ihr Leben prägt. Und dann wird hoffentlich das zweite wahr: dass auch die Kinder von diesem Vertrauen angesteckt wer­den - und sie zu Jüngern werden. - Und hier steckt der wunde Punkt unserer Kindertaufe: dass viele Kinder diese Erfahrung nicht machen, weil viele glauben, man könne auch ohne Gemeinde (man sagt eher: ohne Kirche) Christ sein. *Das ist genauso, als wenn man sagen würde, dass man auch ohne Wasser schwimmen könne. Ja, man kann es - aber man praktiziert es nicht. Da fehlt das richtige Element fürs Schwimmen. So ist es auch mit dem Glauben: Die Gemeinde ist das Lebensele­ment des Glaubens. Nein, nicht nur die Zugehörigkeit zu einer In­stitution ist gemeint - sondern das Leben „an Bord" einer Gemein­de, wo man die Kraft der Gemeinschaft erfährt - und erfährt, dass mit der Gegenwart Gottes gerechnet und aus ihr heraus gelebt wird.
  • Und aus alledem soll noch ein Drittes erwachsen: „ ... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe." - Christsein will ge­lebt werden. Jesus will durch seine Jünger (wörtlich „Schüler") in die Welt, damit sein Wille geschieht. Was ist aber sein Wille? Sein Wille ist, dass Menschen so leben, wie es der Herrschaft Gottes entspricht: ein Leben in Liebe und Gerechtigkeit. Ein Leben, das durchaus auch von Schuld weiß - aber erst recht von Vergebung. Ein Leben, das durchaus von Streit weiß - aber erst recht von Ver­söhnung. Ein Leben, das durchaus von falschen Wegen weiß - aber erst recht von Gottes Geschenk der Umkehr. Ein Leben, das auch von Niederlagen und Tod weiß - aber erst recht von Aufstehen und Auferstehung.

Das alles nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft Gottes, die stärker ist als der Tod. Diese Kraft will unser Lebensschiff und unser Gemeindeschiff lenken und regieren. Dann ist Ostern bei uns ange­kommen - wirklich angekommen.
Amen.

Mitnehmen

  • Hauptgottesdienst
  • Hans Wilhelm Ermen