Worte mit Wirkmacht
Hebräer 4,12+13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Predigttext: Hebräer 4,12-13
Liebe Gemeinde!
Im Eingangslied haben wir das Lied Jochen Kleppers gesungen, in dem es hieß und heißt:
"Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht."
Offensichtlich hat Jochen Klepper seinen Tag damit begonnen, dass er in der Bibel gelesen hat. Und viele tun es bis heute wie er: Sie beginnen den Tag mit dem Lesen von Gottes Wort. Mit der Tageslosung oder der fortlaufenden Bibellese.
„Worte, nichts als Worte!" „Was sind schon Worte?" - Wer so etwas sagt oder fragt, bei dem stehen Worte nicht hoch im Kurs: Worte kann man vergessen! Gefragt sind Taten.
Aber stimmt das so? Sind Worte wirklich so harmlos? Nur „Schall und Rauch?" Ist nur die Tat, was zählt?
Die Tat eines Tritts vor das Schienbein schmerzt manchmal 10 Minuten. Das verletzende Wort schmerzt manchmal ein ganzes Leben. Da gehen Worte manchmal ein ganzes Leben mit: ein verletzendes Wort als Ballast - ein ermutigendes Wort aber auch wie ein Schatz.
Ich könnte Sie ja einmal fragen: „Welche Worte, an die sie sich erinnern, tun Ihnen heute noch weh?" „Welche Worte machen Sie heute noch dankbar - oder gar glücklich?" - Da wird jedenfalls klar: Worte sind nicht „Schall und Rauch". Worte haben Macht. Worte haben Wirkmacht. Sie bewirken manchmal mehr als eine Tat, sie wirken oft lange nach.
Und was von menschlichen Worten gilt, das gilt erst recht von einem anderen Wort, vom Wort Gottes. Mag sein, wir haben es in unseren Gottesdiensten oft zum „religiösen Gebrabbel" verkommen lassen. Aber selbst da: wenn das Wort Gottes in den menschlichen Wörtern zum Durchschein kommt, wenn Gott sich wohl auch manchmal einer eher „bescheidenen" Predigt bedient, dann ist es alles andere als „Schall und Rauch". Dann kann es bei einem Menschen einschlagen und treffen. Oft so unendlich ermutigend und tröstend - aber manchmal auch so, dass es einem einen Stich versetzen kann, weil es einen wunden Punkt trifft.
Genau von dieser Art des Wirkens des Wortes Gottes spricht der für heute vorgeschlagene Predigttext, der auf den ersten Blick so gar nichts vom Evangelium, von einer guten Nachricht, in sich zu tragen scheint. Wir hören Hebräer 4,12+13, ein Wort Gottes über das Wort Gottes:
12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
Ein Bild wie gemacht für Menschen, die in der Klingenstadt Solingen leben. Hier weiß man, was eine scharfe Klinge ist. Wenn man das so liest, dann stellt sich so ein Gefühl ein wie „Achtung! - Handle with care!" Pass auf, wenn Du Dich mit dem Wort Gottes abgibst. Es scheint nicht ungefährlich.
Dieses Wort löst Bilder in einem aus: Es wird beschrieben wie ein chirurgisches Messer, wie ein Röntgengerät, es hat etwas von einem Richter: alles Dinge, denen ich im normalen Leben am liebsten aus dem Wege gehe. Wer im alten Trott weiter leben will, der sollte die Finger davon lassen.
Will mich dieses Wort also fertig machen? Nein, gar nicht! Es will mich zum Leben rufen. Drei Gedanken dazu, warum es sich lohnt, sich diesem Wort auszusetzen:
1. Es will nicht verwunden, sondern heilen
Zunächst ist zu sagen: Ja, man kann Menschen mit dem Wort Gottes auch in unverantwortlicher Weise verletzen. Ich weiß von einem kirchlichen Mitarbeiter, dass er mit seiner christlichen Gemeinde fertig war, als ein frommer Mitchrist ihn über den Tod seiner kleinen Tochter mit den Worten Hiobs trösten wollte: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!" - Das ist gedankenlos! Das ist lieblos! Das ist verletzend! - Wer dieses Bibelwort den Hiobs in ihrem Schmerz zumutet, der verwundet noch mehr statt zu trösten. (Wenn einer überhaupt diesen Satz sagen kann, dann kann es nur ein betroffener Hiob selber sagen. - Ich glaube, ich könnte es nicht! Und ein anderer für mich schon gar nicht!)
Der fromme Mitchrist wird einwenden: Aber es war doch Wort Gottes? - Es war Wort Gottes - aber als fromme Phrase missbraucht. Bei Hiobs Freunden hätte er lernen können, erst einmal zu schweigen und den Schmerz auszuhalten.
Aber nun ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass auch in unserem Predigttext vom Wirken des Wortes Gottes berichtet wird, dass es schmerzlich sein kann: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein." - Diese Worte lassen an die Arbeit eines Chirurgen denken. Mit seinem Eingriff mittels Skalpell wird alles, was den Menschen ausmacht, säuberlich sichtbar gemacht. Aber hier im Bild nicht nur das Körperliche, sondern auch Seele und Geist.
Aber ein guter Chirurg macht das nicht aus purer Neugierde. Erst recht ist er kein Sadist. Ein guter Chirurg ist Arzt, der etwas entfernen will, was krank ist, vielleicht schienen, was zerbrochen ist. Es dient dem Heilen. So will Gottes Wort aufdecken und heilen.
Und dieses Bibelwort erinnert uns daran, dass nicht nur der Leib krank sein kann, sondern dass es auch kranke und gekränkte Seelen gibt. Es erinnert uns wohl auch daran, dass in unserem Leben manchmal Fremdkörper sind wie ein Karzinom, das entfernt werden muss, damit es unser Leben nicht gefährdet.
Worauf könnte das Wort Gottes stoßen, wenn es uns aufdeckt, was unser Leben unheilvoll beherrscht?
- Vielleicht auf meine Unversöhnlichkeit, die in mir so viel Bitterkeit auslöst, dass ich keinen Frieden finde. Und da trifft mich das Wort des Vaterunsers: „Und vergib unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" - womit ich Gott gestatte, mit mir und meiner Schuld so umzugehen, wie ich es selber mit der Schuld meines Nächsten mache. Das ist schon scharf!
- Vielleicht auf mein schlechtes Gewissen, das immer noch eine Altlast mit sich 'rumschleppt und Gott damit aus dem Wege geht. Und dann trifft vielleicht mich das Wort: „Adam, wo bist du?"
- Vielleicht auf meine Ignoranz, die meint, ich sei der Nabel der Welt - und alles andere und alle anderen um mich herum könnten mir egal sein. Und dann trifft mich das Wort: „Wo ist dein Bruder Abel?"
- Vielleicht auf die Gespaltenheit meines Lebens: Dass ich mir Masken zugelegt habe für die verschiedenen Rollen meines Lebens und darüber vergessen habe, wer ich eigentlich bin - und sein darf: von Gott her.
Und so geschieht es immer wieder, dass ich mich durchschaut fühle von diesem Wort.
Pech gehabt? Nein, Glück gehabt! Denn dieses Wort kommt aus dem Mund des Gottes, der sagt: „Ich bin der Herr, dein Arzt." (Ex. 15,26)
Was ist eigentlich das Wichtigste an einem Arzt? Zwei Dinge: Sachverstand und Vertrauenswürdigkeit. Er soll etwas von seinem Fach verstehen - und ich muss ihm vertrauen können, dass er alles tun wird, um mich zu heilen. Der Arzt, der Gott heißt, hat den Sachverstand in allem, was den Menschen anbetrifft. Und weil er liebt, ist er absolut vertrauenswürdig. Es lohnt sich, in seine Sprechstunde zu gehen. Nicht nur, wenn es schon zwickt. Aber dann erst recht. Seine Worte sind heilsam.
Was will das Wort Gottes bewirken?
2. Es will nicht hinrichten, sondern aufrichten
Hier sind wir beim zweiten Bild dieses Textes angelangt: „ ... und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen."
Eine Spannung tut sich hier auf zwischen einem schon jetzt und noch nicht. Schon hier und jetzt eignet diesem Wort, dass es uns trifft wie ein Richterspruch, indem es nicht nur unser Tun, sondern vor allem auch unser Denken entlarvt. Aber dann wird der Horizont dieses Wortes erweitert auf einen Tag, wo wir Rechenschaft abgeben müssen über unser Leben - und das sollen wir heute schon wissen: „ ... es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen."
Und es stellt sich die Frage: Wie ist unsere Befindlichkeit angesichts solcher Aussichten. Ist das überhaupt Evangelium? Ist das nicht eher bedrohlich als erfreulich? Eher Drohbotschaft als Frohbotschaft? Und wieder gilt es, das Evangelium dahinter zu entdecken - auch hinter dem Wort vom Gericht:
Der da auf dem Thron sitzt und Gericht hält, hat anderes im Sinn, als Menschen nach dem Buchstaben des Gesetzes juristisch abzuurteilen. Ein Theologe (Eberhard Jüngel) hat einmal gesagt, bei dem jüngsten Gericht handele es sich um ein therapeutisches Ereignis, um das therapeutische Ereignis schlechthin. Es wird geheilt. Wer wird geheilt? Wovon wird man geheilt?
- Dort sollen wir endlich von unserem unheilvollen Zwang geheilt werden, uns immer selbst rechtfertigen zu müssen. Alles so drehen zu müssen, dass andere daran schuld sind an meiner Sünde - oder die Umstände, die dazu geführt haben. Unter den Augen dieses Richters werde ich hoffentlich einfach sagen können: Ich habe Mist gebaut! Und er wird sagen: Ich weiß! Aber deshalb verachte ich dich nicht!
- Dort sollen wir aber vielleicht auch endlich ebenso geheilt werden von unserem unheilvollen Zwang, uns immer selbst zu verurteilen. Wieviele Menschen sind mir im Laufe meines Lebens begegnet, die sagten mir: „Das verzeihe ich mir nie!" - und haben diese Wunde mit sich getragen, manchmal sogar gepflegt. Unter den Augen dieses Richters werden sie dann (nicht nur hoffentlich) endlich erkennen und sagen können: Ich trage an etwas, was Du schon längst getragen hast und mir abnehmen wolltest. Jetzt bin ich es los. Endlich.
Wenn wir über das Gericht nachdenken, dann müssen wir uns an die eigentliche und ursprüngliche Funktion des Richters in den biblischen Schriften erinnern lassen. Seine Aufgabe war primär nicht das Aussprechen von Strafe, sondern die Sorge für Ordnung und Frieden. Er hatte das Recht zu schützen und das Unrecht abzuwehren. Im Grunde war der Richter ein Friedensrichter.
Im Frieden kann man aber nur dann sein, wenn man der Wahrheit die Ehre gibt. Unter Lügen kann kein Frieden gedeihen. Und mit Lebenslügen in seinem Reisegepäck kann man keinen Frieden finden. Weder mit Gott noch mit sich selber.
Dafür steht also dieser „Tag der Rechenschaft", dass die Dinge beim Namen genannt werden. Und dass die Lebenslügen, mit denen ich mir möglicherweise „selber in die Tasche gelogen" habe, aufgedeckt werden - damit ich Frieden finde - endlich und ewig.
Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie in ihrem Leben gemacht haben. Ich habe neulich im Frühgottesdienst davon berichtet, wie ich einmal als Kind meine Eltern belogen hatte. Ich erinnere mich an das immer größer werdende Lügengebäude, in das ich mich verstrickt hatte, um diese Lüge zu verbergen. Und an den Schmerz, dann die Wahrheit gestehen zu müssen - aber auch an die Erleichterung, dass wieder Klarheit und Wahrheit zwischen uns war. Und Verstehen und Verzeihen. Und da warteten liebevolle Arme auf mich. Dieser schwere Augenblick wurde gleichzeitig zur Erfahrung von Befreiung und Freiheit. Das ist die Erfahrung von Gnade und Aufrichten im Gericht.
Und zu dem, was dort geheilt werden muss, gehören noch andere Dinge über meinen persönlichen Bereich hinaus:
- Die Justizirrtümer der Weltgeschichte. Da sind die unschuldig Verurteilten, denen man sowohl Freiheit als auch ihren Ruf genommen hat. Das darf und soll so nicht unrevidiert weitergehen bis in Ewigkeit. Das bedarf der Heilung
- Da sind die Lebenslügen und Meineide, der Betrug der Armen und die Gleichgültigkeit gegenüber der Schöpfung - oft gegen besseres Wissen. Und oft geschehen im Namen eines Götzen, dem Wahrheit und Vernunft geopfert wurde. Das bedarf der Aufdeckung.
Dieses Wort Gottes will unsere Fluchtversuche verhindern: Glaube keiner, dass er letztendlich durchkommt mit unaufgedecktem Betrug und Selbstbetrug im Blick auf die Verfehltheit seines Lebens. Ja, das ist der Ernst des Gerichts. Er hat damit zu tun, dass Gott uns und unser Leben ernst nimmt. Es ist der Ernst der Liebe. Aber wir sollen doch nicht hingerichtet, sondern aufgerichtet werden. Die Schäden meines Lebens sollen aufgedeckt werden - und geheilt.
3. Es will mir täglich Wegweiser und Mutmacher zum Leben sein
Wir kehren zurück zu Jochen Klepper. Er hat den Tag mit Gottes Wort begrüßt. Er hat sein Leben mit ihm besprochen. Er hat sich vielleicht auch zurecht bringen lassen mit den Fehlern und dem Versagen seines Lebens, die auch zu uns gehören. Und er drückt aus, was das Wort Gottes, das uns manchmal durchaus zu schaffen macht, in heilsamer Absicht will:
"Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue so, wie ein Jünger hört.
Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden. Gott macht mich ihm genehm.
Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag."
Auch für uns.
Amen.

